Unis in der Krise: Nur mit uns kann es weitergehen

Die Pandemie macht sich auch an den Hochschulen bemerkbar, ob in der Lehre, der Partizipation oder dem Druck auf die Studierenden. Um etwas über die aktuelle Lage zu erfahren, haben wir ein Gespräch mit Maike Reichartz geführt. Sie ist eine Studentenvertreterin aus Frankfurt am Main und in der Hochschulgruppe „Bunte Liste“ organisiert.

Welchen finanziellen Schwierigkeiten sind Studierende momentan ausgesetzt und welcher psychische Druck lastet auf ihnen?

Auch außerhalb der Pandemie ist die Kritik an Bafög groß: Es reicht bei vielen nicht, um den Lebensunterhalt zu finanzieren. Deshalb gehen viele Studierende nebenbei arbeiten – selbst die, die Bafög beziehen. Viele Studierende arbeiten in der Gastronomie, Klamottenläden oder machen andere Minijobs. Dadurch, dass diese Räume jetzt geschlossen sind, fallen auch die Jobs weg. Besonders studentische Hilfskräfte sind auch in Relation zu fest angestellten Mitarbeitern leicht zu entlassen, deshalb wird an denen eher gespart. Wenn denen jetzt ihre Finanzierungsgrundlage wegfällt – ihr Job –, bekommen sie aber nicht automatisch mehr Geld vom Staat. Und was die Finanzierungshilfe von unserer Bundesministerin Karliczek angeht: Die 500€ werden nur aufgestockt, man bekommt nur die volle Hilfe, wenn man nichts auf dem Konto hat.

Wenn man sich hingegen die Lebenserhaltungskosten von Studierenden anguckt, liegen diese meist schon durch die Miete über diesen 500 Euro. Die Meisten können sich ihr Studium mit Semestergebühren usw. gar nicht mehr leisten. Das alles bedeutet, dass Studierende unter Existenzängsten leiden.

Es passiert zudem viel im privaten Bereich, was sich auch auf das Unileben auswirkt. Viele haben keinen Kontakt zur Außenwelt, nur am Arbeitsplatz oder in der WG. Viele sind wieder zurück zu ihren Eltern gezogen, in günstigere Wohnungen, oder müssen sich darum kümmern, ihre Miete aussetzen zu lassen. Andere müssen Haus- und Pflegeaufgaben, Studium und Beruf unter einen Hut bekommen. Aufgrund dessen sind sie stetig einer enormen Doppelbelastung ausgesetzt, die physische als auch psychische Besonderheiten mit sich bringen. Alle Beteiligten sind psychisch sowie physisch stark belastet: Da draußen ist ein Virus, vielleicht schon wieder eine neue Mutation.

Zudem können Studierende nicht mehr an die Uni kommen, sich nicht mehr in Seminare setzen, dort mit vielen Leuten teilnehmen, sondern alles läuft über einen kleinen Bildschirm, alleine im eigenen Zimmer. Für den Großteil bedeutet das ein Wegfallen von einem wichtigen sozialen Aspekt. Der private Austausch und das Campusleben sind eingefroren.

Diese ganzen Unsicherheiten wirken sich massiv auf Studierende aus. Die Studico-Studie von 2020 hat herausgefunden, dass über 50 % der befragten Studierenden unter psychischem Druck litten. Jetzt sind es bestimmt noch mehr.

Inwieweit leidet die Qualität der Lehre unter der Pandemie?

Es fängt dabei an, unter welchen Voraussetzungen die Studierenden die Lehre überhaupt wahrnehmen: Haben sie ein funktionierendes Endgerät, einen ruhigen Lernraum, die psychische Verfassung, um zu lernen?

Wir wissen, dass in die Bildung sehr lange nicht investiert worden ist. Die Digitalisierung der Hochschullehre wurde vorher schon missachtet. Damit gehen die Qualifikationen der Lehrenden einher. Viele wissen gar nicht, wie man Lehre didaktisch im virtuellen Raum durchführen soll. Die zunehmende Zahl an Studierenden bei gleichbleibend vielen Lehrenden war auch schon vor der Pandemie ein Symptom der Unterfinanzierung. Das alles übt Druck auf die Lehre aus und zeigt sich jetzt ganz besonders.

Die asynchrone Lehre wird viel genutzt. Ein ganz gravierender Qualitätsstandart fällt durch die rein asynchrone Lehre weg – der Austausch. Das gilt für den Austausch zwischen Studierenden als Diskussion oder Selbstreflexion des eigenen Verständnisses oder für den Lehrenden zum Einschätzen, wie gut die Inhalte angekommen sind. Für Lehrende ist es schwierig, das Mittelmaß zwischen asynchroner Lehre und Live-Sitzungen zu finden und die Inhalte herüberzubringen, ohne die Studierenden mit zu viel Inhalt zu überfordern. Es gibt für die verschiedenen Arten der Lehre auch keine Qualitätsstandards, die eine Sicherheit für Lehrende wie Studierende geben würden. Die Lehrenden sind meist auch engagiert, gute Lösungen zu finden, doch auch auf ihnen lastet der Druck, auch sie sind erschöpft und frustriert.

Zudem verschärft sich jetzt der Fokus auf Prüfbarkeit. Es wird sich nicht mehr primär mit dem Stoff auseinandergesetzt, sondern es wird nur noch auf das Bestehen einer Prüfung hingearbeitet.

Das war auch schon vor der Pandemie so: Hochschulen bekommen Prämien dafür, dass sie Studierende in Regelzeit durchschicken. Und die Lehrenden haben jetzt den Druck, Präsenzlehre im Online-Format gerecht zu werden. Alles, was man nicht mehr durch Diskussionen vermitteln kann, muss anderweitig übermittelt werden. So kommen massenweise Abgaben, Anwesenheitspflichten, zusätzliche Inhalte usw. zustande.

Hochschulleitungen sagen teilweise, die digitale Lehre sei besser als die Präsenzlehre, Befragungen von Studierenden sagen das Gegenteil. Sobald das Zoom-Meeting beendet ist, ist auch der Austausch beendet, die weiterführenden Diskussionen auf dem Campus fallen weg. Lehre findet nicht nur im Seminarraum statt, sondern darüber hinaus. Alle wünschen sich, wieder an die Uni gehen zu können, wissen aber, dass es wegen des Virus nicht geht.

Welchen Einfluss hat die Pandemie auf die Partizipation von Studierenden?

Die studentische Beteiligung leidet. Zum einen ist es momentan schwierig für Vertreter:innen, Studierende zu erreichen. Das wird von den Hochschulen selbst auch nicht erleichtert. Die Uni-Portale dürfen z. B. nicht genutzt werden, um an die Studierenden heranzutreten. Wir haben schon dafür Ärger bekommen, Leute dazu zu ermutigen, bei den Hochschulwahlen wählen zu gehen. Die Mobilisierungskraft fehlt uns, in Präsenz in Seminare zu gehen und uns vorzustellen.

Dann ist die Hürde, als Außenstehende:r in einen digitalen Raum zu Leuten zu kommen, die du gar nicht kennst, viel größer als in der Uni einfach in einen offenen Raum zu kommen. Doch auch in Präsenz bestand schon eine Exklusivität. Es wird viel in Fachsprache gesprochen, die Vielzahl an Gremien ist sowieso unübersichtlich und ohne Studierendenvertreter:in zu sein, haben Studis keine Möglichkeit zu partizipieren.

Der Zusammenhalt und die Solidarität unter den verschiedenen Gruppen sind jetzt auch komplett verloren gegangen. Lehrende, Angestellte und Studierende gehen aufgrund von eigenem Frust viel mehr aufeinander los. Studierende wünschen sich z. B. eine Pauschalverlängerung (mehr Zeit für die Hausarbeiten), darauf antworten dann die Lehrenden, dass dadurch ihre Erholungsphase wegfällt, die Angestellten stellen sich quer, weil das für sie einen erneut steigenden Aufwand bedeuten würde.

Es wirkt, als sollten Studierende in der Pandemie am besten gar nichts sagen, als sollten sie nicht für ihre Interessen einstehen. Z. B. die Forderung der Pauschalverlängerung oder nach einem Freiversuch, darauf wird erwidert, dass man den Leuten dadurch einen Abschluss schenken würde – total absurd. Unsere Interessen verlieren sich auch häufig in einem bürokratischen Hin- und Her-Geschiebe zwischen Ministerium und Hochschule, weil einfach kein ehrliches Interesse an unseren Anliegen besteht. Es gibt keine Anlaufstellen mehr für uns.

Häufig kann man als Vertreter:in auch keine Partizipationsstrukturen anbieten, weil man selber keinen Zugang dazu hat. In vielen neuen Gremien, Krisenräten usw., wo studentische Beteiligung von Nöten wäre, werden Studierende nicht einbezogen. Und sonst ist es im hessischen Hochschulgesetz so geregelt, dass in solchen Gremien immer mehr Professor:innen als Student:innen und Mitarbeiter:innen zusammensitzen. Das heißt, die Lehrenden sind immer am längeren Hebel, auch wenn wir die Mitarbeitenden auf unsere Seite bekommen für unsere Interessen. Gerade in dieser Zeit, wo eine ehrliche, studentische Partizipation so nötig und hilfreich wäre, werden wir übergangen und überhört.

Wo kann man denn jetzt politisch ansetzen, um die Lage der Studierenden zu verbessern?

Die Probleme, die sich vorher schon abgezeichnet haben, manifestieren sich jetzt gerade. Die Ungleichheit der Bildung wird immer größer: Studierende, die auf ihren Job angewiesen sind, verlieren ihn, die Mittel zum Teilnehmen fehlen. Der psychische Druck aufgrund von Verschulung, Prüfbarkeit, Leistungsdruck und Überlastung steigt. Die Räume für Austausch und soziales Lernen an der Uni fehlen. Als Studierende müssen wir in der Pandemie endlich mal gehört werden. Die Studierenden werden in dem Diskurs nicht mitgedacht, von den Unis, aber auch von der Politik.

In bundesweiten Forderungen schließe ich mich dem Freien Zusammenschluss der Studierendenschaft (FZS) an. Die erste sollte sein, Bafög elternunabhängig zu machen und die Höchstförderdauer aufzulösen. Studentischer Wohnraum muss finanzierbar sein. Man kann sich als Student:in keine 800€ teure Wohnung in einer Großstadt leisten. In Hessen gab es eine finanzielle Soforthilfe von 200€, das ist natürlich viel zu wenig, aber es geht schon mal ein Ansatz. Sowas kann man auch bundesweit oder landesweit fordern.

Durch den psychischen Druck wird der Beratungsbedarf auch höher. Es ist die Aufgabe von Bund und Ländern, diese Angebote bereitzustellen. Diejenigen, die jetzt von der Schule in die Uni kommen, werden auch weiterhin Angebote brauchen, um sich auf die Uni vorzubereiten, z. B. durch Mathe-Vorkurse oder auch andere Unterstützungsangebote im Bereich Wissenschaftliches Arbeiten oder ähnlichem. Zudem müssen die Länder den Studierenden einige Zugeständnisse machen: Pauschalverlängerungen und Freiversuche für den Drittversuch, wie es z. B. hier in Hessen beschlossen wurde, sind wichtig.

Viel läuft wiederum innerhalb der Hochschulen ab. Es müssen Räume geschaffen werden, auch mehr als in der Präsenzlehre noch zur Verfügung war. Die Partizipation von Studierenden muss gerade jetzt gefördert werden und Studierende müssen aktiv in die Gremien geholt werden. Es gibt viel zu tun an den Universitäten, da müssen wir mitbestimmen!

DAS INTERVIEW FÜHRTE PAUL GALLENKEMPER

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen