In den Semesterferien in den Urlaub fahren? Für die meisten von uns ist das nicht mehr möglich, nachdem wir unser letztes Geld für die gestiegenen Semesterbeiträge zusammenkratzen mussten. Als wäre der Klausuren-Stress zum Semesterende nicht genug, müssen wir uns auch noch Gedanken darüber machen, wie man die mittlerweile schon mehr als 400€ fürs neue Semester auftreiben soll, für eine Bildung, die offiziell „kostenlos“ sein sollte. Studiengebühren wurden zwar nach langen Protesten abgeschafft, aber durch immer höhere Beiträge zahlen wir am Ende doch drauf. Immer mehr Hochschulen erheben „Verwaltungskostenbeiträge“, und klammheimlich werden die Semesterbeiträge in kurzer Zeit sehr teuer. Unser Bildungssystem ist chronisch unterfinanziert, und jetzt sollen wir Studierende selbst dafür bezahlen. Dabei haben die meisten von uns sowieso schon Schwierigkeiten, den Alltag zu finanzieren. Ein Drittel von uns lebt in Armut, 77,4 Prozent sind armutsgefährdet. Armutsgefährdet? Das heißt, wir haben nicht genug Geld zum Leben. Wir geben rund die Hälfte unserer Einkommen für Miete in kleinen WG-Zimmern aus und jetzt müssen wir auch für die fehlende Finanzierung der Hochschulen einspringen.
Sind die Studiengebühren zurück?
1970 schon wurden im Rahmen der jahrelangen Studentenproteste die Studiengebühren durch Boykott der Zahlungen aufgehoben. Als 2005 erneut Studiengebühren eingeführt wurden, regte sich schnell studentischer Widerstand. Im Sommer 2006 wurden z.B. in Hessen Autobahnen, Schienen und Hörsäle blockiert. Ab 2009 verschärften sich die Proteste und es kam zu einem bundesweiten Bildungsstreik, bei dem sich viele Schüler:innen beteiligten. Protestiert wurde für die Aufhebung der Bologna Reformen, für mehr Demokratisierung der Hochschulen und gegen Studiengebühren. Durch breite Bündnisse und verschiedene Aktionsformen, wie Demonstrationen, Vorlesungsstreiks, Seminare in U-Bahnen bis hin zu Besetzungen der Hörsäle wurde der Druck immer größer. 2010 gaben die Länder nach und schafften die Studiengebühren wieder ab.
Die Unterfinanzierung des Bildungssystems blieb. Mit der sogenannten „Zeitenwende“, die Olaf Scholz 2022 ausgerufen hat, um mehr Geld für Bundeswehr und Aufrüstung bereitzustellen, hat sich der Sparzwang an den deutschen Hochschulen deutlich verschärft. Schon seit Jahren merken wir den Sparkurs im Alltag an maroden Uni-Gebäuden und fehlenden Lehrstellen. Jetzt kürzen die Länder ihre Hilfen weiter und so können die Universitäten nicht einmal mehr die Kosten für die Verwaltung bezahlen. Wir Studierende sollen das über sogenannte „Verwaltungskostengebühren“ ausbaden. Damit werden Studiengebühren heimlich wieder eingeführt. Der Marburger Uni fehlen mit dem bundesweit höchsten Semesterbeitrag nur noch 50€ und die Kosten der Studiengebühren von 2008 sind erreicht.
Wir zahlen nicht für ihre Sparpolitik
Neben den kaputtgesparten Unis und den steigenden Lebenshaltungskosten wird uns immer mehr weggenommen, wir sehen das in Kiel: Dort steigt der Semesterbeitrag in einem halben Jahr um 100€. Auch die Kostenanteile für die Studierendenwerke, also für Mensen und Studiwohnheime steigen immer weiter, weil das Land nicht zahlt. Unsere Beiträge werden also höher, unsere Mittagessen teurer und die begrenzten, renovierungsbedürftigen Wohnheimplätze noch begehrter.
Am meisten zahlen Studierende in Marburg: 449€ waren es im Sommersemester 2025. Göttingen und Hannover folgen kurz danach mit 436,36/434,91€. In Göttingen sind das + 100€ in einem Jahr. In Marburg eine Anhebung um 35 Prozent seit 2022. Doch unsere Finanzierung kann nicht Schritt halten. Weder das Bafög, dass nur wenige von uns bekommen, wurde angehoben, noch unsere Löhne in prekären Nebenjobs oder die befristeten Hilfskraftstellen. Doch warum müssen wir mehr zahlen, wenn das Land sparen will?
Für Waffen ist Geld da, an Wissen wird gespart
Überall sieht es ähnlich aus: Berlin und NRW kürzen die Finanzierung von Universitäten um dreistellige Millionenbeträge, das Land Hessen zieht mit. Gleichzeitig vergibt die Bundesregierung Millarden-Sondervermögen, aber nur für Waffenproduktion, Bundeswehr und Rüstungsunternehmen. Fünf Prozent des BIPs sollen für das Militär locker gemacht werden, fast die Hälfte des Bundeshaushaltes. Aber welche Ausgaben müssen dafür weichen? An unserer Bildung und an unserer Zukunft wird gespart. Wenn die Länder sich aus der Verantwortung ziehen, sollen wir Studierende einspringen. Etwa mit den neuen Verwaltungskostenbeiträgen. Wir sehen: Das Geld ist da, aber eben nicht für uns!
Friedrich Merz will die stärkste Armee Europas aufbauen, Boris Pistorius der Verteidigungsminister erzählt uns, dass Deutschland bis 2029 „kriegstüchtig“ sein muss. Wer soll das bezahlen? Während über die Wehrpflicht und längere Arbeitszeiten diskutiert wird, werden bei unseren Unis die Mittel gekürzt. Dadurch werden private Kooperationen immer attraktiver. An bereits über 60 Standorten wird für Rüstungstechnik geforscht. Die Unis werden in neue Finanzierungsmodelle gedrängt, sodass Betriebe Kosten sparen können, während an den neuesten Waffensystemen geforscht werden kann. Auch die Unis sollen also bei der Aufrüstung mitziehen.
Gleichzeitig werden fortschrittliche Inhalte gestrichen. In Göttingen verschwindet der Master sozialwissenschaftliche Diversitätsforschung, in Berlin die Professur für internationale Beziehungen und Frankfurt schließen zwei Ingenieurstudiengänge mit besonders intensiver Betreuung. Das ist Teil eines bundesweiten Trends. Gerade die Fächer, die Machtverhältnisse untersuchen, werden geschwächt.
Wer profitiert davon?
Der Sparzwang verschlechtert unsere Lehre. Tutorienplätze werden gestrichen und Personal entlassen. Teilweise sitzen wir mit 500 Studis in einem Hörsaal und hören Jahr für Jahr die gleiche Vorlesung, deren Powerpoint Folien seit zehn Jahren nicht aktualisiert wurden. Statt in die Tiefe zu gehen und aktuelle Forschung zu vermitteln, werden wir wie am Fließband abgefertigt. Progressive Inhalte erhalten immer weniger Platz und die Masse an Modulen lässt kaum Zeit für Vertiefung.
Warum? Durch steigende Studierendenzahlen sparen Betriebe Ausbildungskosten und immer mehr Jobs setzen ein Studium voraus. Unsere Bildung ist wirtschaftlichen Interessen untergeordnet. Statt für eine friedliche und sichere Zukunft, lernen wir für den Profit anderer Firmen. Statt umfassender, tiefgreifender Bildung in einem der reichsten Länder der Welt, wird an uns gespart und Gelder in Milliardenhöhe in die Aufrüstung gesteckt. Statt Klimawandel und Krieg durch Forschung und Bildung zu bekämpfen, werden die Ursachen durch Militarisierung und Profitstreben verstärkt.
Unser Wille nach einer sicheren Zukunft und nach guter Bildung wird ignoriert und unsere Proteste gegen derzeitige Kriege werden kriminalisiert. In Münster, Frankfurt und Hannover werden IJV-Ortsgruppen nicht als Hochschulgruppen zugelassen und kriegen keine Räume. Wenn unser Einsatz für Frieden und Bildung von Unis, Polizei und Gesellschaft schon heute blockiert wird, dann sollen unsere Positionen keinen Eingang in Betriebe, Zeitungen und Wissenschaft erhalten. Das alles sind politische Entscheidungen.
Dagegen wehren wir uns!
In vielen Städten, von Berlin bis ins Ruhrgebiet und von Kiel bis nach Freiburg, formiert sich der Protest. Unter dem Motto “Strike Back! Wir holen uns unsere Unis zurück” kämpfen wir gegen Kürzungen und den Abbau unserer Bildung. Wir konnten damit bereits einige Leute erreichen und wichtige Erfahrungen in unseren Orten machen. Dabei haben wir gezeigt: Wenn wir gemeinsam handeln und gemeinsam für eine bessere Bildung einstehen, können wir viel bewegen!
Auch ein Rückblick auf die Erfahrungen aus früheren Protesten zeigt uns, dass Errungenschaften wie die Abschaffung der Studiengebühren, die Einrichtung von Zivilklauseln für eine friedliche Hochschule oder starke studentische Vertretungen nie geschenkt wurden. Sie wurden erkämpft! Genau daran knüpfen wir an. Nur durch gemeinsame Organisation können wir uns den Angriffen auf unsere Bildung entgegenstellen. Als IJV bauen wir auf diese Erfahrungen auf und entwickeln neue Kampagnen für die Probleme und Fragen der Gegenwart. Wir lassen uns nicht durch Rechtsruck und Spaltung auseinanderbringen. Wir treten gemeinsam den Angriffen auf unsere Bildung entgegen, um für eine friedliche, sichere Zukunft zu kämpfen.
