Warum wir am 1. Mai auf die Straßen gehen

Unsere Generation hat mit vielen Vorurteilen zu kämpfen, wenn es um das Thema Arbeit geht. Vor allem im Vergleich zu früheren Generationen wird uns mangelnde Leistungsbereitschaft und geringe Arbeitsmoral vorgeworfen. Wir hätten zu hohe Gehaltsvorstellungen und stellten die Unternehmen mit unserer Einstellung vor diverse Herausforderungen (Deutsche Wirtschaftsnachrichten vom 02.11.2024). Dabei arbeiten junge Menschen in Deutschland so viel wie schon lange nicht mehr. Rund 76 Prozent der 20- bis 24-Jährigen sind erwerbstätig, das ist der höchste Stand seit Mitte der 90er Jahre. Gleichzeitig werden unsere Arbeitsbedingungen immer wieder angegriffen, sei es bei der Arbeitszeit, der Ausbildung oder dem Lohn. Der erste Mai ist der Internationale Kampftag der Arbeiterbewegung, und deshalb nutzen wir ihn, um zu zeigen, dass wir uns gegen die zunehmenden Angriffe auf die Rechte wehren, die von unserer Bewegung lange und hart erkämpft wurden. 

Denn sie greifen uns an, wenn wir…

eine gute Ausbildung wollen!

Die Ausbildung ist vor allem wegen dem Fachkräftemangel in Deutschland immer wieder Thema, denn egal ob im Handwerk, in der Industrie oder in der Pflege, überall fehlen Arbeitskräfte. Aufgrund dieser Situation machen Auszubildende oft schon die Tätigkeiten von Ausgelernten und tragen volle Verantwortung. Neben dem Druck, der so im Betrieb entsteht, können wir uns von der Ausbildungsvergütung immer weniger leisten, geschweige denn, ein eigenständiges Leben führen und sind zunehmend auf Nebenjobs und Sozialhilfen angewiesen. 

Heute sind die Ausbildungsbedingungen weitgehend gesetzlich geregelt. Das war nur möglich, weil sich junge Arbeiter und Gewerkschaften immer wieder für ihre Forderung nach einer guten Ausbildung stark gemacht haben – Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre schlossen sich Lehrlinge in Deutschland unter dem Motto „Ausbildung statt Ausbeutung“ zusammen, um für bessere Bedingungen zu demonstrieren. Von stumpfer Arbeit, die nichts mit dem Beruf zu tun hat, über Abwertung bis hin zu Gewalt waren sie damals der Willkür ihrer Meister ausgesetzt. Sie machten die Zustände öffentlich und konnten so die Regierung zu einigen Reformen bewegen. Durch eine Änderung im Betriebsverfassungsgesetz hatten die Jugendvertretungen in den Betrieben erstmals einen wirkungsvollen Handlungsspielraum.

…nicht krank arbeiten wollen! 

Im Januar hatte unter anderem der Chef der Allianz gefordert, dass Arbeiter für den ersten Tag einer Krankschreibung keinen Lohn mehr bekommen sollen. Nicht nur ist es eine dreiste Unterstellung, dass wir uns aus Lust und Laune krank melden würden, sondern auch ein massiver Angriff auf eine Errungenschaft, die vor fast 70 Jahren im längsten Streik der deutschen Geschichte erkämpft wurde. Damals galt die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall für Angestellte, nicht aber für Arbeiter. Vor allem auf den Werften in Norddeutschland war das ein großes Thema, denn die Arbeitsbedingungen bei Wind, Kälte und Regen führten zu häufigen Erkrankungen, aber die Arbeiter gingen trotzdem zur Arbeit, weil sie sich einen Lohnverzicht nicht leisten konnten. Deshalb traten im Oktober 1956 über 30.000 Metallarbeiter aus 38 Betrieben in Schleswig-Holstein in den Streik und forderten, dass die Lohnfortzahlung auch für sie gelten sollte. Insgesamt 114 Tage lang haben sie die Arbeit niedergelegt und so schlussendlich ihre Forderung durchgesetzt, die in den nächsten Jahren auch gesetzlich festgehalten wurde. 

…nicht mehr Überstunden machen wollen! 

In ihrem Wahlprogramm schreibt die CDU, dass sie Überstundenzuschläge bei Vollzeitarbeit steuerfrei machen wollen: „Wer freiwillig mehr arbeiten will, soll mehr Netto vom Brutto haben“. Im ersten Moment klingt das gut, denn so würde man für die Überstunden natürlich mehr Lohn ausgezahlt bekommen als bisher. Doch wie kann es sein, dass das Gehalt von einem Vollzeitjob nicht ausreicht und sich Beschäftigte deshalb gezwungen sehen Überstunden zu machen? Laut dem statistischen Bundesamt haben 4,6 Millionen Arbeitnehmer im Jahr 2023 Überstunden gemacht. Bei 1,3 Milliarden Überstunden, die in diesem Jahr geleistet wurden, sind das im Durchschnitt 282,6 Überstunden pro Person. 

Das Wegfallen der Abgaben auf Überstunden soll einen Anreiz schaffen (noch mehr) Überstunden zu leisten – und das auf unsere Kosten: Frauen arbeiten fast viermal häufiger in Teilzeit, oft weil sie Angehörige pflegen oder sich um die Kinderbetreuung kümmern, während der Partner in Vollzeit arbeitet. So eine Regelung würde es attraktiv machen, dass die Person in Vollzeit noch mehr Stunden arbeitet, was sowohl die finanzielle Abhängigkeit der Frau, als auch die ungleiche Teilung der Sorgearbeit weiter besiegeln würde. Überlange Arbeitszeiten wirken sich zudem negativ auf die psychische Gesundheit aus, können das Krankheitsrisiko erhöhen und machen Arbeitsunfälle durch Konzentrationsmangel wahrscheinlicher. Wir brauchen also keine Anreize für mehr Überstunden, sondern müssen weiter für Löhne kämpfen, die ein gutes und selbstbestimmtes Leben für alle ermöglichen!

…für unsere Forderungen streiken wollen!

Diese Beispiele sind nur einige der von der Arbeiterbewegung erkämpften Rechte, die zunehmend angegriffen werden. Das wichtigste Mittel, um all diese Forderungen umzusetzen, ist damals wie heute der Streik. Wenn wir unsere Arbeit niederlegen, dann zwingt das nicht nur unsere Chefs, sondern auch die Politik uns zuzuhören, denn wenn wir streiken, stehen die Produktion, die Pflege, der Verkehr und die Betreuung still. Aber auch beim Streikrecht werden immer wieder Stimmen laut, die eine Einschränkung fordern. Vor allem, wenn bei der Bahn oder in den Krankenhäusern für bessere Arbeitsbedingungen gestreikt wird, gibt es immer wieder öffentliche Diskussionen in der Regierung, wo dann behauptet wird, dass Streiks in Bereichen der sogenannten kritischen Infrastruktur verantwortungslos seien. Dabei wird auf einmal vergessen, dass es die gleiche Regierung ist, die von Jahr zu Jahr weniger Steuergelder für diese Bereiche zur Verfügung stellt. 

Nicht mit uns!

Wir sehen – es gibt mehr als genug Gründe, am ersten Mai auf die Straße zu gehen und es braucht jeden einzelnen von uns. Wenn sie versuchen, uns zu noch mehr Überstunden zu bewegen, dann sagen wir: nicht mit uns! Wir wollen einen Lohn, von dem man auch ohne Überstunden gut leben kann. Wenn sie uns den Lohn im Krankheitsfall streichen wollen, sagen wir: nicht mit uns! Wir wollen weder unsere eigene, noch die Gesundheit unserer Kollegen riskieren, weil niedrige Löhne uns zwingen, krank zur Arbeit zu gehen. Wenn sie die Ausbildungsdauer verkürzen, uns Auszubildende als billige Arbeitskräfte ausnutzen wollen und keine Ausbildungsvergütung zahlen wollen, die für ein selbstbestimmtes Leben reicht, dann sagen wir: nicht mit uns! Wir wollen gut ausgebildet werden mit ausreichend Zeit um Fertigkeiten zu erlernen, Fehler zu machen und selbstständig zu werden. Wenn sie uns verbieten wollen, für unsere Interessen einzustehen und für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen zu streiken, dann sagen wir: nicht mit uns! Sie sagen, unsere Generation ist faul und will nicht mehr arbeiten, aber das stimmt nicht. Wir wollen einfach mehr vom Leben, als uns kaputt zu arbeiten, nur um uns das Mindeste leisten zu können, während unsere Chefs sich die Taschen voll machen. Wir wollen mehr Zeit mit Sport, Musik, Kunst, Familie und Freunden verbringen. Wir wollen, dass unser Gehalt ausreicht, um ein selbstständiges und glückliches Leben zu führen. Und wir sagen all denen den Kampf an, die versuchen unsere Rechte und Errungenschaften anzugreifen, um sich auf unsere Kosten weiter zu bereichern. Denn wir sind diejenigen, die diese Gesellschaft mit unserer Arbeit jeden Tag am Laufen halten, aber immer weniger von dem Reichtum haben, den wir schaffen. Deshalb kämpfen wir mit unseren Gewerkschaften für das, was uns zusteht, am ersten Mai auf den Straßen und jeden anderen Tag in unseren Betrieben, Berufsschulen, Universitäten, Hochschulen und Schulen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen