Der Erste Mai ist seit beinahe 90 Jahren gesetzlicher Feiertag in Deutschland. Man nennt ihn auch Maifeiertag. Heute beschert er uns allen in der Regel eine Viertagewoche und sorgt damit für eine willkommene Befreiung von den Zwängen des Alltags. Was einst als taktisches Kalkül aus dem Schoße des nationalsozialistischen Opportunismus zur Gewinnung der Arbeitermassen kroch, ist heute vielfach nicht mehr als ein weiterer freier Tag, in einer Liste von Feiertagen, deren altertümlicher Ursprung nichts mehr mit unserem heutigen Leben zu tun haben. Warum das falsch ist und warum gerade die Jugend den Ursprung und die Tradition des Ersten Mais kennen und wahren muss, werden wir im Folgenden erkunden.
Ursprung
Wie so viele Erzählungen und Traditionen der Arbeiterbewegung findet auch der Erste Mai seinen Ursprung in der Zeit der Industrialisierung. In einer Zeit, die für die Massen in den Industriestaaten nichts Anderes war, als der blanke Kampf ums Überleben. Geknechtet vom Joch des frühen Kapitalismus, kämpfen auch die Arbeiter:innen in den USA Mitte der 1880er für zumutbare Arbeitsbedingungen, vorne an den Achtstundentag. 30 Jahre zuvor hatte es in Australien am ersten Mai Massendemonstrationen mit demselben Ziel gegeben. In Anlehnung an dieses Aufbegehren der Arbeitermassen eines anderen Landes, rief die amerikanische Arbeiterbewegung für den 1. Mai 1886 zum Generalstreik auf. Durch die spezielle Zusammensetzung der US-amerikanischen Gesellschaft, die sich insbesondere durch einen überwältigenden Anteil an Immigranten auszeichnete, wurde der gemeinsame Kampf gegen die Ausbeutung durch die Fabrikeigner enorm erschwert. Den Besitzern der Fabriken war es durch diese Begebenheit immer wieder möglich, umfangreiche Aussperrungen durchzusetzen und die freien Arbeitsplätze durch neue Einwanderer zu besetzen. Die mit solchen Praktiken einhergehende Spaltung der Arbeitermassen, gerade entlang ethnischer Zugehörigkeiten, sind dabei keine Relikte der Vergangenheit. Auch bei heutigen Arbeitskämpfen kommt es immer wieder dazu, dass in der Belegschaft genau entlang dieser Gräben – nicht selten vorsätzlich – Spaltung betrieben wird. Damals wie heute stellt die Spaltung der Arbeiter:innen untereinander das effektivste Mittel der Kapitalisten im Kampf gegen die Selbstorganisation und den gemeinsamen Kampf dar. Zur damaligen Zeit gelingt es jedoch, einen großen Teil der Arbeiter:innen des Landes hinter den Forderungen zu formieren und so, trotz aller Widrigkeiten und trotz der Repression durch Staat und Kapital, einen breiten und wirksamen Generalstreik durchzuführen. Landesweit nahmen hunderttausende Werktätige aus über 10.000 Betrieben an Protestkundgebungen teil. Allein in Chicago waren es bis zu 90 Tausend Männer und Frauen, die dem Aufruf der Gewerkschaften folgten und am ersten Mai 1886 ihre Arbeit niederlegten. Wie zu dieser Zeit üblich, folgte auf eine solche Machtdemonstration der Werktätigen auch prompt staatliche Repression in Form von Angriffen der Polizei auf die Streikposten und -kundgebungen. Am dritten Mai wurden bei der Auflösung einer Protestaktion sechs Arbeiter erschossen und weitere verletzt. Am Folgetag kam es dann zum Haymarket-Massaker. Auf dem Heumarkt der Stadt Chicago fand wie an den Tagen zuvor eine Protestkundgebung statt. Als sich diese bereits dem Ende näherte und sich die Zahl der anwesenden Demonstranten von mehreren Tausend auf nun mehr 200 Arbeiter:innen reduziert hatte, stürmte die Polizei mit annähernd genauso vielen bewaffneten Beamten den Platz.
Dann detonierte eine Bombe. Sie tötete zwölf Menschen, darunter einen Polizisten. In dem darauffolgenden ausbrechenden Chaos begann die Polizei wild um sich zu schießen. In der Dämmerung wurden dadurch sowohl sieben Polizisten als auch schätzungsweise 20 Demonstranten getötet. Zahlreiche weitere wurden verletzt. Wer die Bombe legte, ist bis heute ungeklärt. Fest steht nur, dass in Reaktion auf dieses Massaker in den USA das Kriegsrecht ausgerufen, Gewerkschaftsführer verhaftet, Räumlichkeiten durchsucht, Gewerkschaftszeitungen verboten und abschließend acht Führer der Bewegung ohne Beweise zum Tode verurteilt wurden. Vier von ihnen wurden gehängt, einer beging in seiner Gefängniszelle Suizid und drei wurden später begnadigt.
Tradition
In Erinnerung an diesen schrecklichen Vorfall, welcher sowohl direkt als auch indirekt hauptsächlich Arbeiter:innen traf, beschloss die zweite Internationale drei Jahre später, dass dieser Tag nicht nur dem Gedenken an das Massaker, sondern auch dem Kampf aller Arbeiter:innen für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen gewidmet sein sollte. 1890 wurde dann das erste Mal der Erste Mai als „Protest- und Gedenktag“ begangen. Massenstreiks und Massendemonstrationen stehen seitdem unverkennbar für den ersten Mai. Dass sich das bis heute nicht geändert hat, wissen die meisten. Schließlich werden die Bild- und Videoaufnahmen gewaltsamer Ausschreitungen des Ersten Mais nur allzu gerne von der bürgerlichen Presse aufgegriffen und zur Stigmatisierung des Feiertags als einen Randaletag der Antifa genutzt. Die Gewalt, die an jedem Ersten Mai zutage tritt, ist dabei selten mit wirklichen politischen Vorstellungen verbunden. Oft geschieht dies als Reaktion auf die Gewalt, welcher die Menschen schonungslos unterliegen und die durch Staat und System in jeder Sekunde des Tages als „strukturelle Gewalt“ Form annimmt. Das macht Zerstörung und Vandalismus zu keinem politischen Akt, aber es macht eine neue Perspektive in der Schuldfrage zugänglich. Man kann also die Krawalle am Ersten Mai auch so verstehen, dass dort Menschen aus Verzweiflung und Ohnmacht zu primitivem Widerstand übergehen, indem sie die greifbaren Formen dessen angreifen, beschädigen und zerstören, was sie die restlichen 364 Tage im Jahr angreift, beschädigt und zerstört. Die eigentlichen Hintergründe und die breiten Aktionen von Arbeiter:innen, beispielsweise in Form der Gewerkschaftsdemonstrationen, finden im Gegensatz dazu kaum mediale Präsenz. Aus dieser sensationsorientierten Berichterstattung ergibt sich vor allem eine Verschiebung der Realität in Richtung des formulierten Stigmas. Während der eigentliche Anlass des Ersten Mais immer weiter in den Hintergrund gerückt und verfälscht wird, scheuen sich unorganisierte, friedliche Arbeiter:innen auf die Straße zu gehen, in der Befürchtung in gewalttätige Auseinandersetzungen verwickelt zu werden.
Kampf der Jugend
Die Angriffe auf Luxusboutiquen, teure Autos und die Polizei sind eine klar erkennbare Parallele zu den frühindustriellen Maschinenstürmern. Als Ausdruck des jungen und entstehenden Kapitalismus, der die Arbeit der Menschen abrupt veränderte und zu Massenverelendung führte, wurden damals Maschinen zerstört, da diese für die Menschen die sichtbare und greifbare Form des Systems darstellten, das sie plötzlich beherrschte. Heute wie damals stellt sich die Frage nach einem tieferen Verständnis von dem, was uns da gegenübersteht. Die Mängel und Vergehen des Systems zu erkennen und aufzuzeigen ist heute, besonders in der Wirtschaftskrise, wirklich keine Kunst mehr. Darüber hinaus jedoch eine umfassende, sozioökonomische Analyse der Zusammenhänge zu liefern, die die Systematik enttarnt und die Wurzeln kenntlich macht, ist das Gebot der Stunde. Hierbei kommt uns Jugendlichen eine besondere Verantwortung zu. Wir, die in diese Umstände hineingeboren wurden und ihnen unfreiwillig ausgesetzt sind, sind es auch, die die Konsequenzen dessen ernten, was die systematische Profitgier, Spaltung und Ausbeutung hinterlassen. Wir sind es, die durch das blanke Interesse an einer lebenswerten Zukunft – unserer Zukunft – unabhängig und ehrlich für bessere Verhältnisse kämpfen. Es ist nun an uns, Historie und Gegenwart zu verbinden. Theorien zu erforschen, die uns befähigen, unsere Umwelt anhand ihrer ökonomischen Grundlagen zu verstehen. Diese Theorien zu überprüfen, gegebenenfalls zu vervollständigen und schließlich anzuwenden. Es ist unsere Verantwortung, der Verzweiflung und der Hilflosigkeit eines bedeutenden Teils dieser Gesellschaft eine Richtung und Orientierung zu geben und damit eben den Job jener zu übernehmen, die längst ihren Frieden mit dem System gemacht haben, sich gar von ihm bestechen lassen haben. Jene vom Wohlstand und Eigennutz verblendeten Leute, die ranghohe Ämter in verknöcherten, bürokratischen Institutionen bekleiden. Dabei gilt es nicht, das Rad neu zu erfinden und sich durch möglichst radikale Formulierungen und Auftreten von allem Alten abzugrenzen. Es gilt die Lage der Werktätigen zu erforschen und den gemeinsamen Weg entschlossen und zielgerichtet zu gehen. Sich nicht abbringen zu lassen und den Kampf im Namen derer, aber vor allem mit denen zu führen, die seit nunmehr 200 Jahren diesen blutigen Kampf bestreiten – den Arbeiterinnen und Arbeitern.
Rechte Okkupierungsversuche dieses Tages gilt es entschieden zu bekämpfen. Sie gründen keines Fall auf ehrlichem Interesse an den arbeitenden Menschen, sondern sind lediglich Mittel zum Zweck. Der Erste Mai wurde in Deutschland zum Feiertag, weil auch die Nationalsozialisten die Bedeutung der Gewinnung der Arbeitermassen erkannten. Unter dem völkisch-nationalistischen Narrativ des Hitlerfaschismus mutierte der Erste Mai 1933 erst zum „Tag der nationalen Arbeit“, ein Jahr später zum „Nationalen Feiertag des deutschen Volkes“. Seit 1919 hatten Sozialdemokraten und Sozialisten für die Anerkennung des Ersten Mais als gesetzlichen Feiertag gekämpft. Mit diesem opportunen Zugeständnis versuchten die Nazis die Arbeitermassen in ihre Politik und Ideologie einzubinden.
Einen traurigen Höhepunkt in der Geschichte dieses Tages stellt dabei der Blutmai im Jahre 1929 dar. An diesem Ersten Mai wurden 33 Arbeiter:innen bei Aufmärschen der KPD von der Berliner Polizei getötet.
Diese Blutspur und die über 130-jährige Geschichte des Ersten Mais aufzugreifen und den damaligen Kampf der Arbeiter:innen für gerechte und würdige Lebens- und Arbeitsbedingungen mit der Gegenwart zu verknüpfen, das ist unsere Aufgabe als Jugend.
Wir sind in der Pflicht, den Ersten Mai wieder zum Tag weitreichender, politischer Forderungen zu machen und uns im Kampf für diese mit der breiten Masse dieser Gesellschaft zu verbinden. An diesem Tag haben wir nicht frei und können gemütlich die Füße hochlegen. An diesem Tag kämpfen wir! Und das nicht nur auf „revolutionären“ Szenedemos, sondern dort, wo Arbeiter:innen seit 1890 kämpfen und viel zu oft ihr Blut vergossen.
Der Erste Mai ist seit über 130 Jahren Protest- und Gedenktag auf der ganzen Welt. Man nennt ihn auch den internationalen Kampftag der Arbeiterklasse.
