Der Bologna-Prozess ist eine europaweite Hochschulreform zur Vereinheitlichung von Studiengängen und Abschlüssen, die seit 1999 umgesetzt wird.
Noch im Jahre 1988 legte man in der Magna Charta gemeinsame Bildungsideale nieder: Bildung betreffe jeden Menschen und definiere den kulturellen Stand der Gesellschaft. Eine Universität sei ein Ort der Toleranz, der Begegnung von Forschung und Lehre und als dieser von politischen und wirtschaftlichen Einflüssen unabhängig.
In der Konkretisierung und Umsetzung dieser Ziele, elf Jahre später, wich man jedoch in eine andere Richtung ab. Das europäische Bildungssystem sollte international attraktiv werden, die Studenten sollten beschäftigungsfähiger werden und ihre Qualifikationen arbeitsmarktbezogener. Die Bologna-Erklärung bildete den Rahmen, in dem das universitäre System Deutschlands und Europas immer weiter dem Profitinteresse unterworfen werden sollte.
Konkret geschieht dies durch ein zweistufiges Abschlusssystem, die Förderung der Mobilität für Studierende und Lehrende, ein europaweit einheitliches Punktesystem, eine enorme Ausdifferenzierung der Studiengänge und eine einheitliche Qualitätssicherung. Die Vertreter der jeweiligen Staaten treffen sich seit Beschluss alle zwei Jahre.
Unterfinanzierung und Profitinteresse in der Lehre
Auf der Hochschullehre lastet der finanzielle Druck der neuen, einheitlichen Qualitätssicherung, einem „bürokratischen Monster“, das den Hochschulen pro Jahr mehr als 100 Millionen Euro Kosten auferlegt. Einhergehend mit den Reformen fährt die Bundesrepublik mit der universitären Lehre eine immer sparsamere Politik – die Kosten eines Studiums pro Student:in sind für den Staat seit 1975 auf ein Drittel gesunken. Durch die Unterfinanzierung kommt es zu unzureichender personeller und materieller Ausstattung in der Lehre. Es wurde nicht ausreichend digitalisiert und das Verhältnis von Lehrenden pro Student:in hat sich stets verschlechtert. Gerade jetzt sind die Auswirkungen deutlich erkennbar (siehe hierzu Interview auf S. 20).
Verschulung
Auch inhaltlich richtet sich das Studium immer mehr nach der Wirtschaft: Der Hauptfokus des Studiums wird die Berufsausbildung, die Anwendung des Gelernten und nicht die Hinterfragung dessen.
Die Akkreditierung, also die Zulassung neuer Studiengänge, wird häufig von privatwirtschaftlichen Agenturen übernommen, wodurch die Unabhängigkeit der Wissenschaft bedroht ist. Die Kontrolle darüber, was studiert wird und wie, wird aktiv an den Markt abgegeben.
Die Studienpläne werden weniger flexibel, es gibt weniger Wahlmöglichkeiten, es gibt weniger Freiraum für eigenes Erkunden und Weiterentwickeln der Inhalte, weniger Raum für Austausch und Diskussion. Der Unterricht wird frontaler.
Das einheitliche Punktesystem ECTS (European Credit Transfer System) schafft ein komplexes und abstraktes Regelwerk, das versucht, jede Lernstunde zu verrechnen und führt dabei notwendigerweise zu einem Fokus auf Prüfbarkeit der Studierenden.
Studiengänge werden zu Gunsten der Effizienz häufig komprimiert: Es kommt zu unrealistischen Workload-Annahmen. 50 % aller Studierenden beklagen sich über zu viel Lernstoff, dadurch leiden sie immer häufiger an Burn-Out, Stress und Depressionen.
Trennung von Forschung und Lehre
Die Unterwerfung unter das Profitinteresse spiegelt sich auch in der Forschung an Universitäten wider, die sich immer mehr auf Drittquellen stützt – diese sind in ihrem Umfang von 1995 bis 2008 auf das Doppelte gewachsen. Die Herkunft des Geldes bestimmt den Inhalt der Forschung: Der Umfang der Militärforschung an deutschen Universitäten hat sich z.B. seit 2000 mehr als verdoppelt.
Die Marktorientierung treibt die universitäre Lehre und Forschung auseinander, was sich z. B. in reinen Forschungs- und reinen Lehrprofessuren äußert. Die Einheit von Forschung und Lehre ist von großer Bedeutung für die Bildung. Jetzt erfüllen Lehre und Forschung nicht mehr denselben Zweck des wissenschaftlichen Fortschritts und der Weiterbildung des Menschen, sondern die Lehre verkommt zur reinen, schulischen Ausbildung und die Forschung zum reinen Werkzeug der Weiterentwicklung der Produktion.
Es geht nicht nur der wissenschaftliche Fortschritt und die Innovation verloren – der Kapitalismus schießt sich langfristig ins eigene Bein – sondern auch das Hinterfragen der bestehenden Strukturen verliert an Bedeutung. Ein Ort der unabhängigen Forschung und Lehre, ein fortschrittlicher Ort der Wissenschaft und der (Weiter-) Entwicklung des Menschen wird zu einem Ort der reinen Ausbildung, des Zurechtstutzens für den Arbeitsmarkt und für das Schaffen von Mehrwert. Die Werte der bürgerlichen Revolution des 19. Jahrhunderts, wie sie noch in der Magna Charta ausgelegt wurden, werden von der kapitalistischen Marktlogik selbst hintergangen.
