Ein Fußballturnier, 20 Teams und über 200 Jugendliche, alle sind gekommen und haben unter unserem Motto: „Kick für Frieden“ ein Zeichen gesetzt!
Aber kurz zum Anfang unserer Planung:
Hä, was hat Fußball jetzt schon wieder mit Politik zu tun? Lasst doch diese Filme und einfach zusammen spielen und gut ist. So ungefähr war unser Start im Jugendzentrum als wir gemeinsam darüber gesprochen haben, ein Turnier auf die Beine zu stellen. Zu einer guten Planung gehört auch dazu, warum wir das Ganze eigentlich machen wollen. Und schnell wurde uns klar, dass wir immer weniger Plätze haben, wo wir ohne Geld auszugeben, mit unseren Freunden zusammenkommen, um zu chillen, zu kicken und einfach Kopf abzuschalten. Viele von uns sind vielleicht im Verein, aber auch nicht alle und trotzdem spielen wir ja auch dann nicht zusammen. Dann wird es immer kälter und öffentliche Plätze, wo man kicken kann, gibt es hier auch keine. In Halle spielen einfach so? Unmöglich! Also redeten wir mit der Schule nebenan, klärten uns die Halle und gingen immer weitere Schritte. Und je weiter wir gingen, desto näher kamen wir an die Aussage am Anfang. Wir stecken also so viel rein für etwas, was wir doch alle in unserem Viertel öffentlich zugänglich haben sollten, oder? Wir geben mal Beispiele aus Mühlenberg in Hannover, wo wir unser Turnier gemacht haben. Unser Stadtteil ist eine Großwohnsiedlung, das bedeutet Hochhäuser wohin dein Auge reicht. Durchschnittlich der Stadtteil mit den niedrigsten Löhnen und einer Jugendarbeitslosenquote bei 12,2 % während der stadtweite Anteil bei 4,6 % liegt. Soziale-Brennpunkt-Stempel ist auf jeden Fall da, aber wenn die Probleme bekannt sind, warum löst man sie dann nicht einfach? Ein einfaches Fußballspielen mit Freunden wird schon zum Film. Geantwortet wird auf diese Probleme aber ganz im Gegenteil, nämlich mit Kürzungsanträgen zum städtischen Haushalt 2025/26. Der von der CDU, SPD und FDP vorangetriebene Kürzungswahn macht keinen Halt, weder vor Vereinen, die seit Jahren in Hannover zu den Problemen ehrlich arbeiten, noch vor unserem Jugendzentrum zum Beispiel, das auch auf wackeligen Füßen steht. Ganz schön schnell „ins Politische“ eskaliert oder?
Und da standen wir also und stellten uns die Frage: Wie kann Fußball auch unpolitisch sein, wenn alles drumherum voll mit Politik ist? Und wenn wir schon so weit gekommen sind, müssen wir uns ja auch die Frage stellen, wie diese Politik gemacht wird und für wen?
Und auf einmal kamen die Beispiele nur so herausgeschossen. Anwar El-Ghazi, der niederländische Fußballer mit marokkanischen Wurzeln, der zum Anfang dieser Saison beim FSV Mainz 05 unterschrieben hat. Nachdem er sich jedoch als private Person auf Instagram pro-palästinensisch und kritisch gegenüber der israelischen Regierung geäußert hat, wurde unrechtmäßig sein Vertrag beim FSV Mainz 05 aufgelöst.
Nicht zu vergessen der Fall Deniz Undav, ein Spieler mit deutscher Nationalität und kurdisch-jesidischen Wurzeln. In einem Europaleague-Spiel seines Vereins gegen Fenerbahçe in Istanbul wurde er gezielt mit rassistischen Beleidigungen konfrontiert: Fans warfen ihm Begriffe wie „Terrorist“ oder „Verräter“ an den Kopf, mit dem Hintergrund, dass Deniz Undav, die Entscheidung getroffen hat, für die deutsche Nationalmannschaft statt der türkischen zu spielen.
Ein besonders deutliches Beispiel war aber der Ausschluss Russlands aus allen internationalen Wettbewerben, nachdem das Land 2022 die Ukraine angegriffen hatte. Innerhalb von wenigen Tagen entschieden FIFA und UEFA, russische Mannschaften von Turnieren auszuschließen, sowohl Vereins-als auch Nationalteams. Diese Entscheidung war nicht sportlicher Natur, sondern eine direkte Reaktion auf eine politische Handlung. Plötzlich wurde klar, wie eng Fußball mit der Politik verbunden ist: Der Angriffskrieg Russlands führte dazu, dass ganze Verbände und Athleten nicht mehr teilnehmen durften. Sponsoren zogen sich zurück, Partnerschaften wurden beendet, Spiele abgesagt.
Man könnte hier ja meinen, wenn der Fußball schon politisch ist, würde man ja auch auf Ereignisse und Ungerechtigkeiten ähnlich solidarisch reagieren? Nicht so Ganz. Eigentlich gar nicht, denn internationale Konflikte werden sehr unterschiedlich bewertet und das hat auch Auswirkungen auf den Sport. Während im Russland-Ukraine-Konflikt Vereine und Nationalteams unmittelbar von FIFA und UEFA ausgeschlossen wurden, zeigt der Konflikt zwischen Israel und Palästina, dass vergleichbare sportpolitische Maßnahmen nicht ergriffen werden und dazu noch sanktioniert wie bei dem Fall El-Ghazi, aber auch vielen anderen Beispielen.
Wir sehen also: das, was in unserem alltäglichen Leben passiert, wenn Schüler von ihren Lehrern geschlagen werden, weil sie Palästina Solidarität zeigen (wie in Neukölln, Berlin), oder aber auch der Rassismus, der immer mehr wächst, das sind alles Dinge, die auch im Sport abgebildet werden. Der Sport ist kein neutraler Boden, wo alles, was um uns herum ist, vergessen und ausgeblendet wird.
Der Fußball ist nämlich ein Sport, der Milliarden von Menschen erreicht und vereint. Um genau zu sein, sind über 8 Millionen Menschen in Deutschland Mitglied eines Fußballvereins. Über 11 Millionen Zuschauer der 1. Bundesliga und es könnten hier sehr viel mehr solcher großen Zahlen gedropped werden. Was wir daraus ableiten können, ist die Tatsache: Fußball bietet eine riesen Bühne und damit auch Plattform.
Das sehen natürlich Interessensvertretungen von Politik und Wirtschaft auch so: Besonders sichtbar wird die politische und vor allem wirtschaftliche Seite des Fußballs im Vereinsgeschäft. Staaten wie Katar, Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate investieren Milliarden in europäische Topclubs. Diese Investitionen dienen nicht nur dem sportlichen Erfolg, sondern auch politischen Interessen: Sie sollen das internationale Image der Länder verbessern, ein Prozess, den man als „Sportwashing“ bezeichnet.
Dadurch wird der Fußball zu einem internationalpolitischen Werkzeug. Er beeinflusst internationale Beziehungen, verändert Wettbewerbsstrukturen und macht Vereine von staatlichen Geldern immer abhängiger, sodass andere Vereine ebenfalls diese Investitionen in Betracht ziehen, da sie ansonsten nicht mehr bei den Wettbewerben mithalten können. Spätestens hier zeigt sich: Fußball kann gar nicht unpolitisch sein, wenn er selbst Teil politischer Strategien wird.
Und genau, weil wir diese Analyse nun haben, wurde unser Turnier mit unserem Inhalt für den Frieden einzustehen, in einer Zeit, wo wir in Deutschland sehen können, wie nicht nur Milliarden in Bundeswehr und die Kriegstüchtigkeit im Land investiert werden, sondern auch über die Wiedereinführung der Wehrpflicht alles getan wird, um uns auf Kriegskurs zu bringen.
Umso bedeutungsvoller wurde also das Turnier, was wir in der Halle von der IGS Mühlenberg organisiert haben. In Interviews mit den Teilnehmenden beim Turnier wurde deutlich, dass alle Befragten den Fußball als einen Ort der Gemeinschaft und des Miteinanders sehen, einen Raum, der Menschen unabhängig von Herkunft, Religion oder politischer Einstellung verbindet. Das Turnier hat gezeigt, dass wir alle etwas beitragen können und vor allem müssen. Fußball muss nicht zum Spielball politischer und wirtschaftlicher Interessen werden.
Wenn unsere Stimmen unterdrückt werden sollen durch Milliarden von Euros von Investoren, die versuchen ihren Kurs zu erzwingen, dann müssen wir halt unsere Stimmen für den Frieden, gegen Militarisierung, Sozialabbau und Rassismus umso lauter durchbringen.
Der Sport sind wir, also holen wir ihn uns zurück mit jeder Mannschaft, jedem Verein und jedem Stadtteilturnier.
Dieser Artikel erschien zuerst bei junglaut.de
