Hast du schon in Aktienrente investiert?

Wenn wir an die Rente denken, kommt uns neben unseren Großeltern, irgendwelchen Finance-Bros oder drohender Altersarmut wahrscheinlich allen früher oder später eines in den Sinn: Wenn das so weitergeht, werden wir definitiv keine mehr bekommen.

Doch statt Lösungen zu finden, die uns als Jugend eine gescheite Zukunft bieten, wird uns von Politikern wie Bundeskanzler Merz nahegelegt, so früh wie möglich selbst zu investieren und privat fürs Alter vorzusorgen – fast schon zynisch, wenn uns gleichzeitig immer weniger Geld zum Leben bleibt und viele von uns schon jetzt kaum über die Runden kommen. Diese Individualisierung des systemischen Problems zieht sich durch die gesamte politische Debatte zur Entwicklung der Rente in den letzten Jahren, während gerechte Verbesserungen ausbleiben.

Die politischen Ereignisse zur Rente haben sich in den letzten Wochen und Monaten überschlagen. Am 5. Dezember 2025 hat der Bundestag mit einer absoluten Mehrheit ein ganzes Rentenpaket verabschiedet, das einige Änderungen für diese vorsieht. Aber was bedeutet das Ganze für uns als Jugend?

Die Bundesregierung hat seit Beginn ihrer Amtszeit an Reformentwürfen gearbeitet, die für hitzige Diskussionen auch zwischen und innerhalb der beiden Parteien gesorgt haben. Dazu hat besonders die Junge Union beigetragen, indem sie die durch die Gesetzesänderung steigenden Kosten für die jungen Generationen scharf kritisiert hat und damit aus der Frage einen Generationenkonflikt macht. Sie sieht in der Aufgabe, das Rentenniveau bei 48 Prozent zu stabilisieren, vor allem eine große Mehrbelastung für den deutschen Staat. Dass diese Argumentation jedoch nicht in unserem Interesse ist, wird auch daran deutlich, dass sich die Arbeitgeberverbände – aufgrund zu erwartender steigender Abgaben ihrerseits – hinter dieser versammelt haben, wohlgemerkt bei zeitgleicher Forderung nach einem höheren Renteneintrittsalter.

Aber starten wir erstmal am Anfang

Die Koalition aus CDU und SPD hatte im Rahmen ihres Koalitionsvertrags verkündet, mit Reformen die Alterssicherung der Bevölkerung zu verbessern. Das Rentenpaket sollte eine ausreichende Rente für alle Menschen bedeuten, die jahrzehntelang dafür gearbeitet haben. Klingt doch erstmal ganz gut, oder? Doch was wird da genau gemacht?

Der Kern des Pakets liegt in der Stabilisierung des Rentenniveaus. Dies orientiert sich an den aktuellen Löhnen. Ganz grob bedeutet das also, dass jemand mit durchschnittlichem Gehalt entsprechend dem Rentenniveau monatlich Geld bekommt. Dies ist in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter gesunken, sodass vor einigen Jahren eine „Haltelinie“ beschlossen wurde. Diese liegt bei 48 Prozent des aktuellen Durchschnittslohns. Jetzt wurde entschieden, dass dieses Niveau bis 2031 bleibt. Doch da auch die Löhne nicht gleichbleibend mit der Inflation steigen, sehen wir einen Reallohnverlust, der sich auch auf die Renten auswirkt. Konkret bedeutet das für viele Rentner:innen weiter eine drohende Altersarmut, von der Frauen noch besonders betroffen sind.

In Deutschland ist es so, dass die meisten arbeitenden Menschen in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen, um unter anderem Rentenpunkte je nach der Höhe ihres Lohns zu sammeln, wonach sich später kombiniert mit weiteren Faktoren wie der Anzahl an Jahren, in denen eingezahlt wurde, dann auch die monatliche Höhe ihrer Rente bemisst, wenn sie mal nicht mehr arbeiten. Das Renteneintrittsalter ist ein Faktor, an dem die Politik in der Vergangenheit geschraubt hat – und zwar nach oben: Während die arbeitenden Menschen bis 1992 noch mit 63 und später mit 65 ohne Abzüge in Rente gehen konnten, liegt das Eintrittsalter inzwischen bei 67 Jahren. Und auch darüber hinaus wird zunehmend weiter gearbeitet: Die neue sogenannte „Aktivrente“ soll das Arbeiten während der Rente einfacher machen, was viele Rentnerinnen und Rentner aufgrund ihrer zunehmenden prekären Lage zukünftig zu mehr Arbeit zwingen wird – im Jahr 2024 waren bereits 38 Prozent aller Menschen, die eine Rente beziehen, auf einen zusätzlichen Job angewiesen (IAB-Kurzbericht 2025) und in 2023 bereits rund 20 Prozent aller Rentner:innen akut armutsgefährdet (ver.di). Die Aktivrente bedeutet, dass sie nun bis zu 2000 Euro steuerfrei monatlich dazuverdienen können, was Carsten Linnemann (CDU/CSU) als „innovativstes Element“ des neuen Rentenpakets bezeichnete. Trotz Rente arbeiten gehen ist für viele alte Menschen also jetzt schon die Realität und von einer Win-win-Situation weit entfernt, wenn sie nach jahrzehntelanger Arbeit weiterarbeiten müssen, um auszugleichen, was die Politik nicht tut.

Außerdem ist die „Mütterrente“ erweitert worden, sodass Eltern die Kindererziehungszeiten für ihre vor 1992 geborenen Kinder anrechnen können. Da Statistiken zeigen, dass Frauen im Durchschnitt erheblich weniger Rente erhalten als Männer und damit noch stärker armutsgefährdet sind, ist diese damit gewonnene Erhöhung von etwa 20 Euro pro Kind und Monat noch weit entfernt von realer Gleichstellung der Frauen, die einen großen Teil ihres Lebens mit Sorgearbeit und Kindererziehung verbracht haben.

Während die Änderungen auf den ersten Blick durchaus positiv wirken, zeigt sich bei genauerem Hinsehen schnell, dass sie sich in eine Reihe weiterer Angriffe auf unsere Zukunft einfügen. Denn diese Reformen werden in den kommenden Jahren zu steigenden Rentenversicherungsbeiträgen führen, während die Reallöhne voraussichtlich weiter sinken – mit spürbaren Folgen nicht nur für Erwerbstätige, sondern auch für Rentner:innen. Doch dabei bleibt es nicht: Gleichzeitig fehlt es an allen Ecken. Der Mangel an Sozialwohnungen, gekürzte Mittel für soziale Projekte und Stellenstreichungen verschärfen schon jetzt die Unsicherheit für viele Menschen. Vor dem Hintergrund des zeitgleich verabschiedeten Wehrdienstgesetzes und der Tatsache, dass Milliarden an Steuergeldern in Aufrüstung und Militarisierung fließen und an anderer Stelle tiefe Finanzierungslücken hinterlassen, verschlechtern sich sowohl unsere aktuelle Lebensrealität als auch unsere Zukunftsaussichten zunehmend – unabhängig davon, ob wir jung sind und jetzt von Wehrdienstplänen betroffen oder gerade in Rente mit Altersarmut kämpfen. Die Prioritäten der Bundesregierung liegen erkennbar nicht darin, uns eine stabile und gute Zukunft zu eröffnen. Stattdessen werden Ängste geschürt, Rentenpolitik auf unser aller Rücken ausgetragen und die Perspektivlosigkeit insbesondere junger Menschen politisch ausgenutzt.

Müssen wir unsere Rente selbst in die Hand nehmen?

Ja und nein. Klar ist, dass die Rentenpolitik von heute auch uns irgendwann unmittelbar betrifft, auch wenn sie noch weit weg scheint. Die aktuellen Renten reichen schon kaum zum Leben und viele alte Menschen leben bereits jetzt in Armut, doch die Lage droht sich in den kommenden Jahren auch zulasten dieser zu verschärfen. Zudem zeigen uns diese Entwicklungen, wie sehr im Falle der Rente ein strukturelles Problem auf uns abgewälzt wird, anstatt solidarische Lösungen zu finden, die allen ein selbstbestimmtes Leben im Alter ermöglichen. Das Rentenpaket enthält weitere Anreize zur privaten Vorsorge, während deutsche Konzerne jährlich Gewinne auf unserem Rücken machen, von Steuererleichterungen profitieren und betriebliche Vorsorge immer seltener wird. 

Denn auch wenn es uns in sozialen Medien gerne so verkauft wird – einfach in jungen Jahren in Aktienrente zu investieren und direkt ausgesorgt zu haben, ist tatsächlich für den Großteil von uns fernab jeder Möglichkeit – deshalb sollten wir gemeinsam für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen kämpfen, die uns auch hier ein gutes Leben ermöglichen.

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