Was bedeutet es heute, als Frau selbstbestimmt zu leben? Wenn wir in den letzten Monaten auf Socialmedia scrollen, sehen wir: Es stehen sich völlig verschiedene Vorstellungen gegenüber, wie eine Frau zu sein hat. Wenn Millane, Christfluencerin, überzeugt ins Mikrofon verkündet: „Wenn du ein Mann Gottes willst, musst du auch eine Frau Gottes sein. Dazu gehört halt, dass du dich unterordnest. Wenn dein Mann Entscheidungen trifft und sagt, dann machen wir das, dann macht ihr das so.“, reagieren im Sekundentakt die Gegenseiten darauf. In hunderten mit Ikkimel-Songs unterlegten Reaktionsvideos kritisieren Frauen Millanes Frauenbild und stehen für emotionale Ungebundenheit, Empowerment und die Unabhängigkeit vom Mann ein. Gleichzeitig wird Millane von anderen als erfolgreiche Unternehmerin ganz nach Girlboss-Logik verteidigt.
Die „feministischen“ Debatten auf Socialmedia scheinen zunehmend über diesen Kulturkampf ausgetragen zu werden. Dabei wird diskutiert, ob Frauen „zu viel wollen“, ob Karriere „überbewertet ist“ und die traditionelle Rolle der Frau als Mutter und Hausfrau nicht viel mehr dem natürlichen Charakter von Frauen entspreche. Alles wirkt, als hinge die Frage nach Gleichberechtigung davon ab, welche Frau welchen Lifestyle wählt und wie sie diesen auf Socialmedia propagiert.
Ikkimel oder Millane? Wir müssen uns fragen: Was steckt hinter diesem Kulturkampf? Wo kommen diese gegensätzlichen Rollenbilder her? Was sind die tatsächlichen materiellen Bedingungen in unserer Gesellschaft, warum Frauen immer noch nicht gleichberechtigt sind?
Wie ist die tatsächliche Lage in Deutschland?
Während über das Frauenbild von Christfluencerinnen und den vermeintlich schlechten oder empowernden Einfluss von Ikkimel auf die Jugend gestritten wird, verdienen Frauen in Deutschland 2024 im Durchschnitt 16 Prozent weniger pro Stunde als Männer. Auch wenn man die strukturellen Unterschiede zwischen Branchen, Arbeitszeiten und Qualifikationen herausrechnet, bleibt ein „bereinigter“ Gender Pay Gap von 6 Prozent bestehen. Dieser Unterschied ist kein Ausdruck von verschiedenen Lebensstilen, sondern eine messbare strukturelle Ungleichheit. Frauen arbeiten weiterhin überproportional in Berufen, die gesellschaftlich notwendig, aber ökonomisch gering bewertet werden: Pflege, Erziehung, soziale Arbeit, Dienstleistung. Der Wert von Arbeit wird in Deutschland also weiterhin geschlechtsspezifisch sortiert. Solange das der Fall ist, hat der Begriff „Empowerment“ wenig mit realer Gleichberechtigung zu tun.
Was steckt hinter dem Kulturkampf?
Die Verbreitung des Tradwife-Lifestyles, der die finanzielle Abhängigkeit der Frau vom Mann romantisiert und Unterordnung als gottgewollt darstellt, gehört klar kritisiert. Demgegenüber steht oft ein kulturell progressives Frauenbild, wie es zum Beispiel um Ikkimel sichtbar wird. Frauen, die sich bewusst selbstsexualisieren, stellen sich gegen die Unterordnung zum Mann und konservative Geschlechterrollen, wie sich zu verhalten und auszusehen haben. Selbstbestimmung und das Brechen mit Rollenbildern, die Frauen als „schwächer“ darstellen, sind natürlich ein Fortschritt und bieten auch eine bessere Grundlage, um in Arbeitskämpfen die materiellen Bedingungen für Frauen zu verbessern.
Problematisch wird der Kulturkampf dort, wo dieses progressive Frauenbild mit dem neoliberalen Girlboss-Ideal vermischt wird. Das Girlboss-Narrativ verspricht Gleichberechtigung durch individuellen Erfolg, Karriere und Selbstoptimierung und schiebt die Verantwortung auf uns Frauen. Strukturelle Bedingungen, unter denen Frauen leben und arbeiten, bleiben dabei unsichtbar. Uns wird erzählt, wir müssten nur klug investieren, härter arbeiten oder uns besser durchsetzen, um finanziell unabhängig zu sein. Wir könnten es genauso weit bringen wie Männer, wenn wir genug an uns glauben.
Doch die doppelte Unterdrückung bleibt zentral: Frauen verdienen strukturell weniger und leisten den Großteil unbezahlter Haus- und Pflegearbeit. Solange diese materiellen Verhältnisse bestehen, verschwindet auch der Sexismus in den Köpfen nicht. Klassengesellschaften, wo Erwerbsarbeit und Sorgearbeit getrennt werden, sind auf die Rolle der Frau als kostenlose Erzieherin angewiesen. Ohne diese kostenlose Arbeit könnten Löhne, Profite und staatliche Ausgaben in ihrer heutigen Form gar nicht aufrechterhalten werden.
Frauen, die kämpfen…
Wenn wir einen Blick auf die doppelte Belastung von Frauen in unserer Gesellschaft werfen, wird deutlich, dass Gleichstellung nicht durch identitätspolitische Debatten entsteht, sondern durch kollektive Kämpfe. Viele Rechte für Frauen, die heute als selbstverständlich gelten, wurden durch die realen Kämpfe früherer Frauenbewegungen gewonnen. Besonders die proletarische Frauenbewegung betonte schon früh, dass die Schlechterstellung der Frau nicht einfach aus falschen Vorstellungen über Weiblichkeit entsteht, sondern aus den materiellen Bedingungen, unter denen Frauen leben und arbeiten. Arbeiter:innen kämpften solidarisch für das Recht auf Bildung, für Mutterschutz, für die Vergesellschaftung von Sorgearbeit und für das Frauenwahlrecht. All das wurde nicht „geschenkt“, sondern erkämpft – in Fabriken, in Gewerkschaften, auf der Straße. Der 8. März als internationaler Frauenkampftag erinnert jedes Jahr daran. An diesem Tag werden seit über hundert Jahren zentrale Forderungen des Arbeitskampfs für die Gleichberechtigung der Frau auf die Straße getragen, eine davon: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“. Diese Forderung ist keine leere Floskel, sondern entlarvt genau den Kern des Problems: die systematische Unterbewertung von Berufen, in denen größtenteils Frauen arbeiten und die Nicht-Bezahlung von Sorgearbeit.
Auch heute sehen wir in vielen der aktuellen Arbeitskämpfe Frauen im Zentrum stehen, weil sie in den Bereichen arbeiten, die besonders unterbezahlt und belastet sind. Wenn wir uns die TVöD-Runde 2025 anschauen, sehen wir sehr konkret, was wir meinen, wenn wir sagen: Frauenkampf ist Arbeitskampf. In der TVöD-Runde 2025 fordern die Gewerkschaften für rund 2,5 Millionen Beschäftigte im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen acht Prozent mehr Lohn sowie zusätzliche freie Tage und Entlastung bei Schichtarbeit, aber auch die staatliche Ausfinanzierung von Pflege und Erziehung. Besonders betroffen sind die Kolleginnen im Sozial- und Erziehungsdienst: Dort liegt der Frauenanteil bei rund 83 Prozent in Kitas bei fast 95 Prozent. Während Arbeitgeber von „angespannten Haushalten“ sprechen, berichten Beschäftigte von Personalmangel, strukturelle Unterfinanzierung und steigenden Anforderungen. Frauen verdienen sieben Prozent weniger Lohn im öffentlichen Dienst, während sie 44 Prozent der unbezahlten Sorgearbeit im Privaten leisten und den steigenden Lebenshaltungskosten ausgesetzt sind. In diesem Kämpfen wird somit sehr konkret verhandelt, wie viel die Arbeit von Frauen wert ist. Ein weiteres Beispiel ist die seit 2021 bestehende Berliner Krankenhausbewegung: Beschäftigte der landeseigenen Kliniken Charité und Vivantes sowie deren Tochterunternehmen streikten 2021 über Wochen gemeinsam für einen Tarifvertrag Entlastung und dafür, dass der TVöD auch für die ausgegliederten Bereiche gilt. Auch hier werden die meisten dieser Tätigkeiten, wie in der Pflege insgesamt, überwiegend von Frauen ausgeübt. In der Pflege sind mehr als vier von fünf Angestellten weiblich. In den Tochterfirmen – Reinigung, Küche, Transport, Reha, ambulante Versorgungszentren – verdienten viele Beschäftigte bis zu 900 Euro weniger im Monat als direkt bei Vivantes Angestellte, obwohl sie im gleichen Haus arbeiteten und die gleiche Arbeit erledigten. Mit Demoschildern wie „Klatschen war gestern!“ wurde gleicher Lohn für gleiche Arbeit gefordert. Nach über 30 Streiktagen wurden Tarifverträge für mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen durchgesetzt, und für die Töchterfirmen wurden TVöD-nahe Regelungen erkämpft. Die Krankenhausbewegung trägt ihren Kampf weiter und beteiligte sich auch mit Streiks an der TVöD-Runde 2025.
Diese Beispiele zeigen: Frauenkampf heißt Klassenkampf!
Echte Gleichberechtigung lässt sich nicht durch die Wahl zwischen Tradwife und Girlboss erreichen. Auch ein popkulturelles progressives Frauenbild außerhalb der Girlboss-Logik ist zwar ein Fortschritt, trifft aber dennoch nicht den Kern der strukturellen Schlechterstellung der Frau. Der Kulturkampf lenkt davon ab, dass es nicht um individuelle Lebensentwürfe geht, sondern um ein profitorientiertes System, das uns Frauen systematisch ausnutzt und gegeneinander ausspielt. Daher lasst uns am 8. März den Frauenkampf lautstark solidarisch miteinander auf die Straße tragen. Denn heute wie vor 100 Jahren gilt: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!
