Wir haben mit Emma (24) über ihren Arbeitsalltag, ihr Studium und den neuen Hebammenhilfevertrag gesprochen.
Emma, du studierst Hebammenwissenschaft. Wie bist du zu diesem Beruf gekommen und was muss man dafür mitbringen?
Bei meinem FSJ nach dem Abi bin ich unter anderem mit einer Hebamme mitgelaufen und fand das total spannend. Ich hatte schon immer ein großes Interesse an Medizin, aber auch an der Arbeit mit Frauen und wollte gerne etwas Soziales machen. Seit 2020 ist Hebammenwissenschaft ein Studium. Die Voraussetzungen unterscheiden sich je nach Stadt, meist muss man ein Praktikum gemacht haben und ein guter Abischnitt hilft auch.
Wie sieht dein Studium aus?
Das Studium teilt sich in vier Module: Geburtshilfe (von Hebammen unterrichtet), naturwissenschaftliche und medizinische Grundlagen (von Ärzt:innen unterrichtet), Psychologie und wissenschaftliches Arbeiten. Das Studium ist dual, dadurch ist der Praxisanteil groß und wir werden auch bezahlt. Insgesamt dauert es in Bonn acht Semester, in anderen Städten sieben. Am Ende stehen Staatsexamen und Bachelorarbeit.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?
Der Beruf ist sehr vielseitig. Im Kreißsaal ist kein Tag wie der andere.
Als Hebammen ist unsere Hauptaufgabe, die Geburt zu betreuen, die physiologischen Abläufe zu begleiten und die Frauen zu unterstützen. Und im Zweifel zu erkennen, wenn etwas schiefläuft und dann zu handeln. Das heißt, wir kümmern uns auch um Einleitungen mit Tablettengaben und CTG-Kontrollen. Durch den Schichtdienst betreuen wir meist nicht eine komplette Geburt von Anfang bis Ende. Wir unterstützen die Frauen in den Phasen vor der aktiven Geburt, kümmern uns um die Plazentageburt, machen die ersten Untersuchungen beim Kind, helfen beim Stillen, achten auf Blutungen – und irgendwann wird die Frau auf die Station verlegt. Und wir behandeln die Frauen ambulant im Kreißsaal, wenn sie z.B. vaginale Blutungen oder einen Verdacht auf eine Schwangerschaftsvergiftung haben.
Wie viele Frauen betreut eine Hebamme gleichzeitig?
Bei uns gibt es dafür ein Punktesystem. Jede Frau bekommt Punkte, je nachdem, wie betreuungsintensiv sie ist. Eine Hebamme darf maximal vier Punkte haben. Für eine gesunde Frau unter Geburt werden zwei Punkte vergeben, das heißt, dass eine Hebamme auch zwei Frauen gleichzeitig betreuen muss, oder sogar noch mehr, wenn Einleitungen bspw. dazu kommen. Wenn die Punkte überschritten werden, dürfen wir eigentlich keine Frauen mehr aufnehmen, das wird aber nicht immer beachtet. Für die Frauen wäre es natürlich schöner und auch wichtig, wenn immer jemand da ist – aber das System gibt das einfach nicht her. Das ist eine Sache der Uni-Klinik, im Geburtshaus ist das zum Beispiel anders.
Was unterscheidet die Arbeit von Hebammen, die nicht im Krankenhaus arbeiten?
Bei Geburtshäusern oder Hausgeburten sind nur Hebammen da, die die Geburt begleiten. Da wird nur bei Komplikationen ins Krankenhaus gegangen. Beleghebammen hingegen nutzen für die Geburten die Räumlichkeiten vom Krankenhaus, aber machen auch die Vor- und Nachsorgen. Ich kann mir vorstellen, dass es viel ausmacht, wenn du vor der Geburt die Frau schon kennenlernen kannst. Im Krankenhaus müssen wir uns immer neu auf die Frau einstellen, jede Frau geht mit Schmerzen anders um, das kann man manchmal schwer einschätzen.
Bist du zufrieden mit deiner Berufswahl?
Ich bin auf jeden Fall zufrieden, ich wüsste auch nicht, was ich sonst machen würde. Aber man fragt sich schon oft, ob es nicht naiv ist: Man tut sich ziemlich viel Stress an und wird dafür nicht ordentlich bezahlt. Viele steigen super früh aus dem Beruf aus, das ist auf jeden Fall ein Zeichen. Ich glaube auch, dass insgesamt eine falsche Vorstellung vom Beruf herrscht: Viele denken, Hebammen seien lediglich als emotionale Unterstützung da und sehen es eher als Hobby. Auch jetzt mit dem Studium erlangen wir immer mehr Kompetenzen und können mit den Ärzten auf Augenhöhe zusammenarbeiten.
Viel Kritik gab es zuletzt auch am „Hebammenhilfevertrag“.
Genau, der betrifft vor allem die Beleghebammen. Hebammen bekommen einen Zuschlag bei Einzelbetreuung, aber diese ist selten umsetzbar. Für mehrere gleichzeitig betreute Schwangere gibt es nur noch 70 Prozent des vollen Satzes. Eine Studie hat jetzt gezeigt, dass fast jede zweite Hebamme ans Aufhören denkt. Beim Belegsystem wollen eben viele kündigen, es schließen ohnehin viele Kreißsäle, weil Geburtshilfe nicht so rentabel ist. Aber die Frauen müssen ja irgendwo hin. In Bonn hat ein anderer Kreißsaal geschlossen, das merkt man bei uns in der Klinik, dadurch dass es voller wird. Die Stationen haben teilweise keine Kapazitäten mehr, weswegen die Frauen länger im Kreißsaal bleiben müssen. Da können sie aber einfach nicht genauso gut betreut werden und es gibt dort auch keine unendlichen Betten.
Insgesamt merkt man einfach: Es ist ein Beruf, den viele mit Leidenschaft machen, deshalb funktioniert es noch. Aber gerade im Gesundheitssystem checkt man schnell, was alles falsch läuft.
