Sprache macht Gesellschaft?

Wenn wir über die Gleichberechtigung von Frauen in der Gesellschaft sprechen, geht es oft früher oder später um ihre sprachliche Repräsentation. Die Annahme ist, dass Sprache unser Denken formt und darum die Erwähnung von Frauen durch das Gendern auch die Position der Frau in unserem Denken aufwertet und sichtbar macht. Aber wie effektiv ist das Gendern wirklich? Und kann man das Ankommen des Trends in vielen Medien als Erfolg betrachten?

Großes I, Sternchen, Doppelpunkt?

Die klassische Art des Genderns ist das große I. So schreibt man anstelle von „Ärzten“ lieber ÄrztInnen. Seit einigen Jahren kommen aber auch andere Schreibweisen auf, in denen zwischen die weibliche und die männliche Form ein Symbol wie zum Beispiel ein Sternchen oder ein Doppelpunkt gesetzt wird: Ärzt*innen oder Ärzt:innen zum Beispiel. Diese Symbole sollen alle Geschlechter symbolisieren, die nicht klar männlich oder weiblich definiert werden können (zum Beispiel nicht-binäre Personen). Beim Sprechen lässt man bei dieser Schreibweise eine Lücke, zum Beispiel Ärzt – Pause – innen. Wenn man in Texten oder gesprochenem Wort gendert, dann kann dies grammatikalisch zu Problemen führen oder den Text, zum Beispiel bei Aufzählungen, schwer lesbar machen. Teilweise wird deswegen auf neutrale Formen ausgewichen, wie zum Beispiel Studierende (anstelle von StudentInnen). Dies ist aber nur bei wenigen Worten möglich und somit nicht immer eine Option. Wir sehen, das Gendern ist ein Aufwand, sich das Gendern in Wort und Schrift anzugewöhnen für viele Menschen sehr schwierig. Aber warum wird sich überhaupt so eine Mühe darum gemacht, sprachliche Repräsentation zu fördern?

Warum das alles?

Der grundlegende Gedanke der geschlechtsneutralen Sprache ist, dass unsere Sprache unser Denken formt. In der deutschen Sprache haben wir das scheinbare Problem, dass das generische Maskulinum die Regel ist. Dieses hat zwar sprachlich gar nicht die Funktion, eine geschlechtsspezifische Formulierung zu sein (hierzu: Svenja Hauerstein – „Bald wird es keine Menschen mehr geben“ in: nous – Zeitschrift für konfrontative Literatur, online). Trotzdem wird in sogenannten Assoziationstests immer wieder festgestellt, dass Menschen sich unter dem Begriff Ärzte beispielsweise vermehrt Männer vorstellen. Dass weibliche Ärzte oder Ärztinnen in dieser allgemeinen Formulierung eigentlich mitgemeint sind, sei somit hinfällig, da die meisten Menschen trotzdem an männliche Personen denken. Die geschlechtsneutrale Formulierung soll diesen Assoziationen Abhilfe schaffen. Wenn wir zum Beispiel Ärzt:innen schreiben, Menschen sich vermehrt auch Frauen unter diesem Begriff vorstellen, dann würde sich das gesellschaftliche Bewusstsein hin zu einer gleichberechtigteren Gesellschaft entwickeln.

„-innen dranhängen und alles ist gut?

Es gibt jedoch auch Kritik an diesem Konzept. Denn dass das Bewusstsein durch Sprache geformt wird, kann man auch in Frage stellen. Wie verhält es sich mit Sprachen, in denen es keine weibliche oder männliche Form gibt? Im Englischen zum Beispiel gibt es nur the doctor, nichts deutet auf ein bestimmtes Geschlecht hin. Wir können uns trotzdem vorstellen, dass sich die meisten Menschen einen männlichen Arzt vorstellen, während bei dem Begriff the nurse wahrscheinlich eher an eine weibliche Person gedacht wird. In vielen Sprachen wird kein Unterschied zwischen weiblich und männlich gemacht, aber nichts deutet darauf hin, dass dies zu einer gehobenen Stellung der Frau in der Gesellschaft führt. Ist es also die Sprache, die Assoziationen hervorruft, oder die Realität dahinter? Wodurch wird das Bewusstsein geprägt? Wir können nicht davon ausgehen, dass die sprachliche Repräsentation das Bewusstsein verändert, solange die Verhältnisse dahinter die gleichen bleiben. Wenn wir also ab jetzt unsere gesamte Sprache ändern und Frauen explizit mit ansprechen würden – wie würde sich die Position von Frauen dadurch verändern? Erstmal gar nicht. Denn der Ursprung der Unterdrückung der Frau ist kein ideeller, er entsteht nicht aus Ideen und Bewusstseinsformen, sondern ein materieller (siehe S.8). Frauen werden nicht durch Sprache in ihre Position gedrängt, die Sprache gibt ihre gesellschaftliche Position wieder. Solange Frauen in unserer Gesellschaft häufiger ins Private gedrängt werden, schlechter bezahlt werden, sexualisiert werden und ihre gesellschaftliche Position nicht gleichberechtigt neben der des Mannes steht, wird auch die sprachliche Repräsentation von Frauen nicht den Sprung zur Emanzipation darstellen. Die Rolle der Frau ist historisch gewachsen und ergibt sich nicht aus gesellschaftlichem Bewusstsein – das Sein der Frau bestimmt das gesellschaftliche Bewusstsein über sie und die Sprache verdeutlicht dieses. Wir müssen also erkennen, dass Sprache nicht der ausschlaggebende Faktor ist, wenn es um die Unterdrückung der Frau geht, und die sprachliche Repräsentation bei Weitem nicht alles sein kann, was uns in Bezug auf die gesellschaftliche Rolle von Frauen beschäftigt.

Wer gendert überhaupt?

Trotzdem können Frauen sich durch sprachliche Repräsentation angesprochener fühlen, ihre Rolle kann sprachlich sichtbarer werden. Dies könnte Grund genug sein, das Gendern immer und überall als notwendig anzusehen.

In einer Umfrage von yougov zur geschlechtergerechten Sprache von 2020 gaben 31 % der Befragten an, diese sehr unwichtig zu finden, 26 % finden sie eher unwichtig, 18 % eher wichtig und 7 % sehr wichtig. Laut dieser Werte herrscht also bei weitem keine Einigkeit über diese Frage. Auch interessant ist, dass Frauen nur geringfügig positiver gegenüber dem Gendern eingestellt sind: 28 % der Frauen sehen es als sehr unwichtig, 34 % der Männer ebenso. Als sehr wichtig sehen es 8 % der Frauen, 6 % der Männer. Man kann also davon sprechen, dass geschlechtergerechte Sprache gesamtgesellschaftlich bei weitem keinen Konsens findet und auch nicht von Frauen, denen sie ja eigentlich nützen soll, erheblich mehr unterstützt wird. Nun ist die gesellschaftliche Unterstützung nicht das Kriterium, an dem wir die Sinnhaftigkeit des Genderns messen können – sie gibt aber einen Überblick über die Diskussion und Verbreitung des Trends. Würde man eine derartige Umfrage in anderen Kreisen machen, würden die Ergebnisse wahrscheinlich anders ausfallen, zum Beispiel an Hochschulen, wo das Gendern teilweise vorgeschrieben wird, sowie in einigen Medien und Zeitschriften, wo es einheitliche Regelungen für geschlechtergerechte Sprache gibt. Die Antwort auf die Frage „Gendern ja oder nein?” hängt auf viele Arten mit dem Klassenhintergrund der Befragten zusammen, der das Verhältnis zu Sprache maßgeblich mitbestimmt. Dies sollten wir auch im Hinterkopf behalten, wenn wir die allgemeine Diskussion um die Frage des Genderns betrachten.

Das Gendern als Politikum

Und damit wären wir auch bei dem eigentlich wichtigsten Punkt angekommen: der geschlechtergerechten Sprache als politischem Diskussionsgegenstand. Denn das Gendern wird kontrovers diskutiert. Wie schon erwähnt, ist es in akademischen und universitären Kreisen oft die Regel und wird als wichtig für die Gleichberechtigung der Geschlechter angesehen. Häufig wird das Gendern zu einer Frage, an der man die vermeintliche Haltung des Gegenübers festmacht – wer gendert, ist für Frauenbefreiung, wer es nicht tut, ein Sexist. Verständnis dafür, dass es auch Kritik am Gendern gibt, die kein verkleideter Sexismus ist, sondern den Idealismus in der Forderung nach der geschlechtergerechten Sprache betont, fehlt häufig.

Dies ist verständlich, denn die lauteste Kritik am Gendern kommt häufig von rechts: Konservative und Rechte machen im Gendern ein Symptom des allgemeinen „Genderwahns“ aus und stilisieren sich als Vorkämpfer gegen die „absurden“, „traditionsgefährdenden“ Trends aus den urbanen, akademischen Kreisen. Dass für diese Kräfte auch die tatsächliche Gleichberechtigung von Frauen ein reiner Trend ist und sie grundlegende Dinge wie zum Beispiel gleiche Rechte für alle absurd und traditionsgefährdend finden, ist klar – dass ihre Kritik am Gendern also nicht ernst genommen und als reiner Vorwand für reaktionäre Inhalte gesehen werden, liegt auf der Hand.

Doch warum sehen fortschrittliche Kräfte eine Notwendigkeit, das Gendern zu kritisieren? Könnte man es nicht einfach annehmen, auch wenn es eine idealistische Forderung ist? Hierfür müssen wir betrachten, welche Rolle das Gendern in unserer Zeit einnimmt. Der Trend in Richtung Repräsentation (siehe S. 10), sprachlicher Gleichberechtigung und der Symbolpolitik der letzten Jahrzehnte, in den das Gendern eingeordnet werden kann, kommt zu einer Zeit auf, in der wir von tatsächlichen materiellen Verbesserungen meilenweit entfernt sind. Die Chancen auf wirkliche Veränderung scheinen schlecht zu stehen, die politische Landschaft ist eher von Angriffen von oben auf die sozialen und rechtlichen Errungenschaften geprägt als von wirklichem Kampf für Gleichheit von unten. Wenn wir jetzt das Gendern in den Mittelpunkt stellen und dem Gedanken, dass Sprache unser Denken formt, Platz einräumen, entsteht die Gefahr, dass wir uns weiter weg vom Kampf für materielle Besserungen und hin zu einer Symbolpolitik bewegen, die in diesem Zusammenhang nichts als Augenwischerei bedeutet. Wir können erkennen, dass das Gendern aus dem akademischen Bereich kommt und mittlerweile auch von der Politik und den Medien in Teilen angenommen wird, um sich fortschrittlich darzustellen. Dass Sprache aber nicht so funktioniert, dass man ein Wort durch das andere ersetzt und somit das Bewusstsein umkehrt, liegt auf der Hand. Wenn sich die Sprache im täglichen Gebrauch der Menschen verändert – aus der Realität heraus, dass sich die Verhältnisse ändern, dann sollte man sich nicht dagegenstellen. Anhand der oben genannten Zahlen sehen wir jedoch, dass dies beim Gendern nicht der Fall ist, sondern dass eher eine bestimmte Gruppe versucht, die geschlechtergerechte Sprache durchzusetzen. Natürlich sollten wir uns nicht gegen das Gendern stellen und es verteufeln – aber jetzt den Kampf für eine geschlechtergerechte Sprache zu führen und das Gendern in Politik und Medien als großen Erfolg zu verkaufen, wäre eine Ablenkung von den realen Kämpfen, die noch zu führen sind.

»Dass Sprache aber nicht so funktioniert, dass man ein Wort durch das andere ersetzt und somit das Bewusstsein umkehrt, liegt auf der Hand.«

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