Frauen und der Erste Weltkrieg
Der Erste Weltkrieg veränderte die Staaten Europas maßgeblich. Er zog neue Grenzen, beeinträchtigte die Beziehungen zwischen den Staaten nachhaltig, brachte in seiner Folge soziale Errungenschaften wie das weitgehende Frauenwahlrecht, überwarf ganze Herrscherdynastien und schuf neue Staaten. Während in schier endlosen Materialschlachten Männer und Kriegsgerät vernichtet wurden, wird die Frau – gerade in Deutschland – in die hörig-nationaltreue Rolle der tapferen, bangenden und schaffenden Frau oder Mutter an der aufopferungsvollen Heimatfront gedrängt. Doch auch wenn diese Einordnung von vielen Frauen der Zeit mitgetragen wurde, gab es dennoch Frauen, die das imperialistische Geschwätz der Bourgeoisie und des Adels erkannten und sich dem Wahn der Herrschenden widersetzten.
Um den Ursprung dieser antimilitaristischen und antiimperialistischen Frauenbewegung während des Ersten Weltkriegs nachvollziehen zu können, muss man ein paar Jahrzehnte zurückschauen und die Entwicklungen innerhalb der Frauenbewegung betrachten. Ab den 1870er Jahren bildet sich immer deutlicher eine zweite Strömung in der Frauenbewegung in Deutschland heraus. Sie entsteht rund um die Sozialdemokratie und wird als proletarische Frauenbewegung bezeichnet. Sie grenzt sich dadurch von der bürgerlichen Frauenbewegung ab, dass sie den Klassenstandpunkt zum zentralen Gegenstand ihrer Position macht und die Befreiung der Frau untrennbar mit der Befreiung des Proletariats verknüpft sieht. Die proletarische Frauenbewegung entnimmt die strukturelle Unterdrückung der Frau der materialistischen Geschichtsanalyse von Engels, welche das Patriachat als Resultat der ökonomischen Umstände – namentlich des Privateigentums – begreift und somit die Umwälzung der Besitzverhältnisse zur elementaren Bedingung für die Gleichstellung der Frau macht. Während die bürgerliche Frauenbewegung die Befreiung der Frau lediglich in der juristischen Gleichberechtigung der beiden Geschlechter sieht und dabei das patriarchale Rollenbild für eigene Zwecke reproduziert und verschärft, kämpft die proletarische Frauenbewegung seit jeher konsequent für die gesellschaftliche und die wirtschaftliche Gleichstellung der Frau. Den ersten und wichtigsten Schritt in diese Richtung stellte damals die industrielle Frauenarbeit dar, wie Clara Zetkin auf dem internationalen Arbeiterkongress 1889 erläuterte: „[…]weil sie [Frauen] wissen, dass ihre soziale und politische Gleichstellung mit den Männern einzig und allein von ihrer ökonomischen Selbständigkeit abhängt, welche ihnen ihre Arbeit außerhalb der Familie in der Gesellschaft ermöglicht.“ Weitere zentrale Forderungen der proletarischen Frauenbewegung waren die Etablierung des Frauenwahlrechtes, die Verbesserung der Lohnsituation und der Arbeitsbedingungen von Frauen, Gleichstellung im Eherecht und die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen 218. Lange Zeit unterlag die Frauenbewegung – im Besonderen die proletarische – scharfen Repressionen des Staates, was die Organisation erheblich erschwerte. Nicht nur, dass Frauen die politische Partizipation untersagt wurde, auch die Sozialistengesetze von 1878 setzten den Arbeiterinnen beträchtlich zu und drängten ihre Arbeit in die Illegalität. So war es erst ab 1908 möglich, dass Frauen sich legal in Vereinen organisieren konnten und selbst öffentlich für ihre Anliegen einstanden.
Clara Zetkin war es auch, unter deren Vorsitz 1907 die Sozialistische Fraueninternationale gegründet wurde. Dort verschrieben sich delegierte Frauen aus über 15 Ländern der klassenbewussten Lösung der Frauenfrage. Bereits ab 1910 wurde in diesem Rahmen Bezug auf eine nahende Kriegsgefahr genommen. Frauen verschiedenster Länder erkannten die Zeichen der Zeit und bekräftigten mit dem Widerstand gegen Imperialismus und Nationalismus auch den Widerstand gegen jeden möglichen Krieg. Dabei machten sich die Frauen eine antimilitaristische Erziehung und Agitation innerhalb der gesamten Arbeiterklasse zur Aufgabe. Zeitgleich fanden auch innerhalb der II. Internationalen Diskussionen über die Verhinderung bevorstehender Kriege und das Verhalten der Arbeiterparteien bei Kriegsausbruch statt. Als Konsequenz der akuten Bedrohungslage – vergegenwärtigt durch die Balkankriege – geriet die Frauenfrage temporär in den Hintergrund der politischen Arbeit der proletarischen Frauenbewegung, wenngleich sie weiterhin Kerninhalte blieben. Wenige Monate vor Kriegsbeginn wurde eine „Rote Woche“ initiiert, die die großflächige Mobilisierung von Arbeiterinnen im Kampf für Frauenrechte und gegen Krieg zum Ziel hatte und beachtlichen Anklang fand.
Als es mit dem Attentat von Sarajevo schließlich zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges kam, traten eben jene Befürchtungen der proletarischen Arbeiter und Arbeiterinnen ein. Es begann ein Blutvergießen ungeahnter Dimension, welches Europa nachhaltig prägen sollte und Entwicklungen anstieß, die letztlich auch zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges führten. Die proletarische Frauenbewegung sah sich zu dieser Zeit den gleichen Umtrieben und Zerwürfnissen ausgesetzt wie die internationale Arbeiterbewegung insgesamt. Viele Sozialisten und eben auch Sozialistinnen ließen sich von dem nationalistischen Geschwätz der Kriegstreiber beirren und verrieten das Ideal des proletarischen Internationalismus.
Doch unbehelligt von Reaktion und Revisionismus setzten die proletarischen Arbeiterinnen ihr Engagement gegen den Krieg fort. Auch hier sticht Clara Zetkin hervor, die als Leiterin der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift weiterhin stark gegen den Krieg agierte und trotz des anhaltenden Weltkrieges weiterhin die internationalen Verbindungen der proletarischen Arbeiterinnen aufrechtzuerhalten versuchte. Zetkin und viele weitere Frauen kämpften mit Hilfe von Demonstrationen und Streikwellen unter dem Motto „Diesem System kein Mann und keinen Groschen“ kontinuierlich für die Beendigung des Krieges und für eine vereinte Arbeiterklasse. Ihre Positionen vertraten sie unter anderem, indem sie die Warteschlangen vor Lebensmittelgeschäften ausnutzten, um mit antimilitaristischer Propaganda regelrechte Unruhen zu entfachen. Außerdem verteilten sie den Antikriegsaufruf der Sozialistischen Fraueninternationalen von 1915 hunderttausendfach als Flugblätter und stürmten sogar eine Sitzung des SPD-Parteivorstandes, um ihren Forderungen Gewicht zu verleihen. Auch innerhalb des revolutionären Spartakusbundes übernahmen Frauen zu dieser Zeit weitgehend tragende Aufgaben. Wenngleich auch bürgerliche Frauen sich in Teilen dem Krieg widersetzten und einen pazifistischen Kampf etablierten, so war es doch die Mehrheit, welche sich in die Kriegstreiberei einspannen ließ und das Schlachten in den Schützengräben nur allzu pflichtbewusst unterstützte. Unter ihnen auch einige verirrte Sozialdemokratinnen, unterwarfen sie sich der Parole: „Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben, die Frau zur stillen, helfenden, dienenden Liebesarbeit im Innern.“
Anhand der Gegenüberstellung dieser beiden Losungen lässt sich bereits vortrefflich der gravierendste Unterschied zwischen bürgerlicher und proletarischer Frauenbewegung darstellen.
Die proletarische Frauenbewegung erhebt den Internationalismus und das Interesse der Arbeiterklasse zum Hauptgegenstand ihrer Politik. Die materialistische Geschichtsauffassung schützt die proletarischen Frauen vor imperialistischer und arbeiterfeindlicher Vereinnahmung, welcher die bürgerliche Frauenbewegung in weiten Teilen unterlag. Des Weiteren befähigt sie die Frauen die ökonomische Grundlage ihrer Unterdrückung zu begreifen und im Kern zu bekämpfen. Die Immanenz des Befreiungskampfes der Frau in der sozialen Frage ermöglicht einen geschlechterübergreifenden und gesamtgesellschaftlichen Kampf im gemeinsamen Interesse aller. So ist Spaltung unmöglich und die Befreiung der Frau aus den patriarchalen Gesellschaftsstrukturen wird vom utopischen zum erreichbaren Ziel. Während der Erste Weltkrieg auch heute noch aus bürgerlicher Perspektive zum einwandfreien Emanzipationsinstrument hochstilisiert wird – da er die öffentliche, gesellschaftliche Teilhabe von Frauen verbessert haben soll – zeigt die proletarische Betrachtung ganz klar, dass Krieg nie im Interesse der Arbeiter und Arbeiterinnen stattfindet. Der Feind der Arbeiterinnen ist der gleiche wie der der Arbeiter. Es sind die Eigentumsverhältnisse des kapitalistischen Systems, welche die Unterdrückung der Frau benötigen und aufrechterhalten. Ohne den Umsturz derselbigen rückt die Befreiung der Frau in ungreifbare Ferne.
