Selbsthass verkauft sich gut

„Sieht man meinen Bauch, wenn ich sitze?“, „Wenn ich lache, sehen sie mein Doppelkinn?“, „Darf ich dieses Eis überhaupt noch essen, wenn ich einen Bikini tragen möchte?“

Diese Gedanken sind Alltag. Ob am See, vor der Eisdiele, oder in der Umkleidekabine, unser Körpergefühl dominiert unsere Gedankenwelt. Oder besser gesagt, was wir denken, was an ihm falsch ist. „Du willst ein’n Body? Dann musst du pushen!“ eine Aussage von Shirin David in ihrem Musikvideo, die den gesellschaftlichen Leistungsdruck rund auf den weiblichen Körper treffend auf den Punkt bringt. 

Denn jede Frau kennt es: Die Nase? Zu groß. Die Lippen? Viel zu schmal. Der Bauch? Nie flach genug. Und die Taille? Ein klarer Fall von Optimierungsbedarf. Gefordert ist eine makellose Sanduhrfigur – flacher Bauch, ausgeprägte Kurven, symmetrisches Gesicht wie aus dem 3D-Drucker und selbstverständlich kein einziges Haar am Körper. Oder doch lieber dünn und durchtrainiert, Heroin Chic Style? Wir blättern im Katalog der Körper hin und her, bis wir endlich den Stil finden, der uns entspricht und unseren Charakter verkörpert. Ein roter Faden, der sich von früh an in unseren Gedanken festsetzt. Kaum erreichbare Ideale, die heutzutage den Code der Schönheit diktieren und uns dazu bringen, Hass auf unseren eigenen Körper zu entwickeln. 

Doch woher kommen diese Schönheitsideale eigentlich?

Nehmen wir einmal an, dein Körper war vor 100 Jahren das Schönheitsideal. Wieso stimmt heute etwas nicht mit dir? Schönheitsideale sind in ihrem Raum und ihrer Zeit zu betrachten. Ob Aphrodite, mit ihren Rundungen im antiken Griechenland, Marie mit ihrer blassen, zarten Erscheinung im Mittelalter oder Empress Eugénie, die Frau Napoleons, mit der durch das Korsett betonten schlanken Wespenfigur: Die Schönheitsideale entspringen ihrem politischen und wirtschaftlichen Kontext. Historisch betrachtet, orientierten sich Schönheitsideale oft an Statussymbolen. Die Blässe war ein Zeichen dafür, dass es sich Frauen leisten konnten, in ihren Räumlichkeiten zu bleiben und nicht arbeiten zu müssen. Auch starke Rundungen und pompöse Kleidung waren ein Zeichen von ausreichender Versorgung und somit Wohlstand. Das Korsett, das zum Ziel hatte, die Taille bis zu 45cm zu schnüren, war ein sittliches Zeichen, das die Beweglichkeit der Frau stark einschränkte und die körperliche Arbeit somit ausschloss. Diese Ideale, wie bspw. das Bedürfnis, sich mit dem eigenen Aussehen vom einfachen Bauern abzugrenzen,  sind jeweils ein Zeichen der damals bestehenden Klassenverhältnisse und ihrer herrschenden Ideen und Normen. Daher ist es wichtig, Schönheitsideale als das zu erkennen, was sie sind: ein Produkt ihrer Zeit, in dem die herrschenden Machtverhältnisse zwangsläufig die Unterdrückung der Frau widerspiegeln. Es wird deutlich, dass Schönheitsideale wenig mit uns selbst zu tun haben und als Konzept hinterfragt werden müssen. Auch heute, im Licht des Kapitalismus, funktionieren Schönheitsideale vor allem als Instrumente sozialer Abgrenzung, Identitätsbildung und Konsumsteigerung. 

Doch wer profitiert von unseren Unsicherheiten?

Heutzutage steht so einiges auf dem Programm. Heroin Chic, Size Zero, Hourglass-Figur – die heutigen Schönheitsideale mögen unterschiedlich aussehen, doch sie haben eines gemeinsam: Sie setzen uns ständig unter Druck, dass unsere Körper diesen entsprechen müssen. Was auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint, wird uns (durch die richtigen Produkte) als ein erreichbares Ziel verkauft.

Anhand unserer Unsicherheiten machen die Kosmetik-Riesen jährlich Milliarden an Profiten.  L’Oréal, Unilever, Procter and Gamble (P & G) und Johnson and Johnson Services dominieren den weltweiten Schönheitsmarkt. Beispielsweise machte laut Statistica L’Oréal  mit ihrem Besitz an 28 Marken im Jahre 2022 einen Umsatz von 40,3 Milliarden US-Dollar. Dasselbe gilt für Unilever, das laut Forbes Global 2000, einer der weltweit größten börsennotierten Unternehmen ist und mit ihren Schönheitsprodukten einen Umsatz von 25.11 Milliarden US- Dollar erzielten. Damit diese jedoch einen solchen Umsatz erreichen können, müssen sie durch unsere Medien und Konsumgesellschaft ein Schönheitsideal aufrechterhalten. Durch Reels und Fotos bieten TikTok, Instagram und Facebook ein Mittel, um uns junge Frauen direkt zu erreichen. Meta, der Mutterkonzern von Instagram, Facebook und WhatsApp, erzielte in den ersten drei Monaten des Jahres 2024 einen Werbeumsatz von 40,1 Milliarden Dollar. „Beauty – Influencer“ wie Kylie Jenner, James Charles oder Nikkie Tutorials ziehen ebenfalls durch „Brand- Deals“ mit Marken sechsstellige Einnahmen. Hand in Hand etablieren sie sorgfältig inszenierte Werbebotschaften, lenken die Wahrnehmung von Schönheit und verankern normierte Idealbilder im kollektiven Bewusstsein.  

Mode, Wellness, Körperpflege, dekorative Kosmetik und ästhetisch-chirurgische Eingriffe erscheinen dabei nicht bloß als individuelle Entscheidungen – sie sind in einem gesellschaftlichen und ökonomischen Kontext zu betrachten. Kurz und knapp gesagt: Hinter unseren Unsicherheiten stecken kommerzielle Absichten.

Aber was tut das mit uns? 

Jetzt, wo der Sommer vor der Tür steht, rückt der eigene Körper wieder verstärkt in den Fokus. In dieser Zeit machen sich ein besonders verzerrtes Selbstbild (Bodydismorphia), Scham oder Selbstzweifel sehr einfach in uns breit. 

Eine krankhafte Beziehung zu Essen ist vor allem in der Jugend sichtbar. Laut einer Studie des Robert- Koch – Institutes, haben 33,6 % der Mädchen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren Anzeichen von Essstörungen. In der Pandemie hat es ebenfalls einen Rückfall von 30 % der Patientinnen gegeben, die an Magersucht litten. 

Auch die dadurch resultierenden Schönheitsoperationen stellen ebenfalls eine Gefahr für die Gesundheit dar, da sie erhebliche Risiken wie chronische Erkrankungen, Infektionen und schlimme Schmerzen mit sich bringen. Die Patientinnen sind meist schlecht über diese Folgen informiert und werden dann nur schwer nachbehandelt.

Jedoch ist die psychische Belastung alltäglich. Der Gedanke gewinnt die Oberhand, dass etwas nicht mit uns stimmt. Uns wird gesagt, dass wir nun auf den perfekten „Summerbody“ hinarbeiten müssen. Mit Diätplänen, Beauty-Tipps inklusive der passenden teuren Produkte oder Influencern, die für ihren kostenpflichtigen Trainingsplan werben oder für Schönheits-OPs wird der Druck auf ein „perfektes“ Aussehen erhöht, ohne dabei unsere Gesundheit zu beachten. Uns werden die Mittel regelrecht in die Hand gelegt, um unseren Körper Stück für Stück zu verachten. Ungeschminkt rausgehen wird zu einer Challenge, der automatische Gedanke, was man heute schon zu sich genommen hat, bevor man sich seinem Essen widmet, und schon wird der eigene Körper zum Bauprojekt, das nur mühsam voranschreitet.

Shoppingtrips, Vinted durchkramen, Etsy unsicher machen, einen neuen Ernährungsplan erstellen oder uns Makeup Tutorials und TikToks von Fashion-Influencern angucken: wir verbringen einen großen Teil unserer Freizeit damit, in unsere Äußerlichkeiten zu investieren. Zudem sehen wir uns zunehmend im Vergleich mit anderen Frauen und es wird eine Kultur der Konkurrenz statt Solidarität gefördert: Anstelle eines Gefühls der Gemeinschaft zu fördern, entsteht ein stiller Wettstreit, in dem gegenseitige Bewertung und Abgrenzung im Vordergrund stehen. Schon in jungen Jahren lernen wir, uns mit anderen Mädchen zu messen – nicht durch Leistung, sondern durch unser Aussehen. Obendrein ziehen wir uns immer mehr zurück und suchen statt Nähe zu anderen vermehrt Zuflucht in digitalen Räumen. Stundenlang scrollen wir durch TikTok, vergleichen uns mit Körpern, Outfits und vermeintlicher Perfektion. Was früher vielleicht ein Nachmittag mit Freundinnen war, ist heute ein stummer Selbstoptimierungsprozess oder wieder 4 Stunden vorm Handy und sich dabei selbst fertig machen. 

In dieser fixierten Selbstbeobachtung geht vieles verloren: Leichtigkeit, echte Verbindung, Wertschätzung und Freundschaft – und oft auch das Bewusstsein dafür, dass wir nicht allein mit diesen Gedanken sind und wir auch etwas verändern können.

Dabei müssten wir uns doch fragen: Warum beschäftigen wir uns mehr mit Oberflächlichkeiten anstatt mit wirklich relevanten Fragen und Themen? Wem nützen solche Oberflächlichkeiten und unsere Unsicherheiten und wie können wir beides bekämpfen? Und vor allem, warum richten wir unseren täglichen Kampf gegen unser Spiegelbild, statt gegen die Konzerne, die von unseren Unsicherheiten profitieren?

Denn während wir uns selbst und unseren Körper hassen und wortwörtlich gegen uns selbst in den Kampf ziehen, macht die Beauty-Industrie Milliarden. 

Und viel wichtiger : Wie können wir uns dagegen wehren?

Es ist an der Zeit, diese gedanklichen Schleifen über das eigene Aussehen und des Selbsthasses aktiv zu durchbrechen. Unsere Gedanken laufen in vertrauten Bahnen – Routinen, die aus Reflexen resultieren. Doch sollten wir unserem Körper Respekt entgegenbringen – nicht ständige Kontrolle oder übermäßige Aufmerksamkeit. Indem wir unsere Aufmerksamkeit bewusst lenken, können wir diesen Kreislauf durchbrechen. Viel mehr sollten wir unsere Energie darauf verwenden, uns von den Erwartungen zu lösen, die uns diese Überbetonung auferlegt und neue Gedanken und Erfahrungen zulassen. Darüber hinaus gilt es, sexistische Botschaften in Sprache und Werbung zu erkennen und unsere Entscheidungen bewusster zu gestalten. Statt abwertend zu urteilen, sollten wir einander unterstützen, gegen herabwürdigende Kommentare füreinander einstehen und Haltung zeigen. Lasst uns den Blick von uns selbst heben – und auf das richten, was wir zusammen bewegen können. 

Denn eines bleibt klar: Solange wir in einer Gesellschaft leben, wo einige Wenige daran verdienen, dass Frauen sich unsicher fühlen, werden diese Schönheitsbilder bestehen bleiben. Denn das kapitalistische Wirtschaftssystem profitiert davon, wenn wir uns unsicher sind, wenn wir die Probleme bei uns selbst oder bei unseren Mitmenschen sehen und uns nicht trauen, füreinander einzustehen. Echte Veränderung braucht mehr als individuelle Stärke – sie braucht gemeinsames Handeln. 

Nutzen wir diese Kraft, um uns politisch weiterzubilden und zu organisieren!

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