Iced Matcha Latte, Pilateskurs um 06:00 Uhr, 12-Schritte-Hautpflegeroutine und Superfood-Smoothies: Mit ein paar kurzen Klicks findet man im Internet schnell das perfekte Rezept für ein erholtes und erfülltes Leben – oder? Der Internet-Trend „Capitalism wants us to believe this is wellness, but…“ greift genau dieses Thema auf. Wellness und Selfcare werden immer mehr zu persönlichen Checklisten. Auf Social Media wird uns die perfekte Selfcare-Routine vorgelebt. Wie realistisch ist das Ganze jedoch? Wer kann es sich leisten, Unmengen an Geld für Hautpflegeprodukte oder Detox-Tees auszugeben? Wer profitiert wirklich? Wir oder die Konzerne, die uns diese Produkte verkaufen?
Capitalism causes your problems and then sells you the solution
Erst kürzlich haben Studien gezeigt, dass die Jugend in Deutschland so viel arbeitet wie seit den 1980er-Jahren nicht mehr. Dazu zählt auch, dass viele Studierende neben ihrem Vollzeitstudium arbeiten. Auch Azubis arbeiten zusätzlich neben ihrer Ausbildung. Wir sehen: Das Gehalt oder das BAföG reichen mit den steigenden Lebenshaltungskosten nicht für ein selbstbestimmtes Leben aus. Nach einem anstrengenden Tag im Betrieb, in der Schule oder in der Uni haben die meisten von uns also weder Zeit noch das nötige Geld für das, was uns der Kapitalismus als „Wellness“ verkauft.
Dabei wird deutlich, dass diese Idee von Erholung auf einer Form von Selbstoptimierung basiert. Wir sollen immer besser werden – und dafür immer neue Produkte kaufen, die uns angeblich dabei helfen. Das erzeugt einen immensen Leistungsdruck, dem wir ohnehin schon ausgesetzt sind. In einer Leistungsgesellschaft stehen wir im ständigen Wettkampf. Da hilft dann leider auch kein Iced Matcha Latte mehr weiter. Der Kapitalismus verkauft uns ein individualistisches Konzept von Wellness – und profitiert am Ende davon. Doch Selfcare und Erholung müssen nicht allein im Badezimmer stattfinden.
Woraus ziehen wir Kraft?
Was wir tatsächlich brauchen, ist kein weiteres Pflegeprodukt, sondern gerechte Bedingungen für ein gutes Leben für alle. Der Internet-Trend greift am Ende der Videos auch diese Perspektive auf: Ein gutes Leben bedeutet, sich am Ende des Monats keine Sorgen um die Miete machen zu müssen, weil es genug bezahlbaren Wohnraum für alle gibt. Es heißt, Zugang zu einer funktionierenden Gesundheitsversorgung zu haben und nicht monatelang auf einen Therapieplatz zu warten. Es bedeutet auch eine Wirtschaft, die nicht auf Profit und Ausbeutung basiert, weder von Menschen noch von der Natur. Wir ziehen Kraft daraus, dass wir mit unseren Leuten schöne Momente verbringen können und dafür auch tatsächlich die Zeit haben. Daraus, dass wir all unsere Talente und kreativen Fähigkeiten ausleben und ausbauen können – nicht für irgendeinen Arbeitgeber und dessen Profit, sondern für uns und für unsere Kollegen, mit denen wir Seite an Seite stehen für eine lebenswerte Zukunft, in der all das Platz hat. In der wir eben nicht mehr angewiesen sind auf irgendwelche Produkte, die uns vermeintliche Wellness-Oasen zwischen all dem Stress schaffen sollen. Und einmal im Jahr wird das auf unserem Sommercamp am Attersee Realität. Dort verbringen wir zehn Tage gemeinsam, tauschen uns aus, lernen miteinander und voneinander und haben die Möglichkeit uns mit den Dingen zu beschäftigen, die tatsächlich in unserem Interesse sind und uns gemeinsam stärken.
