Inmitten steigender Lebenshaltungskosten, wachsender Unsicherheit am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt und zunehmendem psychischem Druck auf junge Menschen will die Politik einen alten Grundsatz kippen: die Acht-Stunden-Arbeitszeit pro Tag. Im neuen Koalitionsvertrag der Regierungsparteien wird offen mit der Idee gespielt, die tägliche Höchstarbeitszeit durch eine wöchentliche Obergrenze zu ersetzen. Was sich zunächst wie ein bürokratischer Akt anhört, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein massiver Angriff auf den Arbeitsschutz – insbesondere für junge Arbeitnehmer:innen und Auszubildende.
Unter dem Deckmantel der „Flexibilisierung“ sollen künftig auch zehn oder mehr Stunden am Tag zur Normalität werden – solange sie irgendwo in der Woche wieder „ausgeglichen“ werden. Was auf dem Papier nach Freiheit klingt, bedeutet in der Praxis jedoch oft: längere Tage, mehr Überstunden, weniger Erholung und kaum Planungssicherheit. Für viele junge Beschäftigte, die sich in Ausbildung, Studium oder im Berufseinstieg befinden, ist das keine Chance, sondern ein Risiko – gesundheitlich, sozial und wirtschaftlich.
Besonders zynisch wird es, wenn CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann in diesem Kontext öffentlich erklärt, dass „Rentner und Jugendliche künftig mehr arbeiten müssen“. Während junge Menschen heute schon in unsicheren Jobs, mit befristeten Verträgen und ohne echte Mitsprache schuften, sollen sie nun offenbar auch noch die Lücken eines Systems schließen, das sie konsequent übergeht. Ein System, das Reiche entlastet, während die arbeitende Mehrheit ausgepresst wird.
Denn im selben Atemzug, in dem über Mehrarbeit gesprochen wird, werden Konzernen großzügige Subventionen gewährt, Vermögenssteuern konsequent verhindert und Steuersparmodelle für Superreiche nicht nur toleriert, sondern strukturell ermöglicht. Die Rechnung zahlen andere – vor allem junge Arbeitnehmer:innen. Sie tragen die steigende Belastung, sie verzichten auf Freizeit und Bildungschancen, sie zahlen mit ihrer Gesundheit. Und all das, während oben weiter Vermögen gehortet und Dividenden ausgeschüttet werden.
Es entsteht ein Bild von politischer Doppelmoral: Nach außen wird betont, wie wichtig Bildung, Nachhaltigkeit und Jugendförderung seien – hinter verschlossenen Türen aber wird entschieden, dass junge Menschen gefälligst mehr leisten sollen, während Vermögenszuwächse bei den Reichsten unangetastet bleiben. Mehrarbeit soll nicht etwa die Pflege retten oder soziale Dienste entlasten – sie soll vor allem den Wirtschaftsinteressen großer Unternehmen dienen.
Die Botschaft dahinter ist deutlich: Wer arbeitet, hat nicht mitzureden – sondern zu liefern, seine Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen und als Ressource für Profit zu dienen. Mehr Stunden, mehr Verzicht, weniger Rechte. Die Umverteilung von unten nach oben nimmt damit eine neue Qualität an: Während junge Menschen für ein sicheres Leben kämpfen, wird ihr Fleiß zur Profitmaximierung für andere missbraucht.
Was fehlt, ist eine echte Debatte darüber, wie wir als Gesellschaft arbeiten wollen – und vor allem für wen wir arbeiten. Junge Menschen wollen ihren Beitrag leisten, keine Frage. Aber nicht in einem System, das sie gleichzeitig klein hält, überfordert und ausnutzt. Wir brauchen kein „Mehr“ an Arbeit – sondern ein „Mehr“ an Gerechtigkeit, an Schutz, an Mitbestimmung.
Julian, Zugbegleiter aus Marburg
Beim Thema Arbeitszeit geht es um mehr als nur eine Stundenzahl. Ich arbeite im ÖPNV und meine tarifliche Wochenarbeitszeit beträgt 39 Stunden. Diese habe ich allerdings im Rahmen einer vollkontinuierlichen, unregelmäßigen Wechselschicht zu erbringen. Das bedeutet: Jeder Tag des Jahres kommt als Arbeitstag und jede Tageszeit als Dienstzeit in Betracht. Außerdem folgt die Lage der Dienste keinem festen Rhythmus, sondern ändert sich ständig. Dieses Modell ist für viele Beschäftigte im Mobilitätssektor Realität (wobei ein Großteil davon in Vollzeit tätig ist). Zu dieser Realität gehört auch die erhebliche gesundheitliche Belastung durch das Arbeiten gegen die sogenannte innere/biologische Uhr. Aber auch Beziehungen jeglicher Art sowie die Möglichkeit zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben werden massiv beeinträchtigt. Für die allermeisten meiner Kolleginnen und Kollegen ist deshalb klar: Angesichts der Belastungen, die der aktuelle Zustand jetzt schon mit sich bringt, ist die Debatte über das Thema Arbeitszeit nur in eine Richtung sinnvoll. Und zwar in Richtung mehr Lebensqualität für uns – durch Arbeitszeitverkürzung!
Eva, Erzieherin aus Hamburg
Ich bin Auszubildende zur Erzieherin im öffentlichen Dienst und arbeite jetzt schon über meine Belastungsgrenze hinaus. Jegliche pädagogische Anforderungen an meine tägliche Arbeit musste ich schon lange verwerfen. Aufgrund der hohen Krankenzahlen und der generellen Unterbesetzung in meinem Berufsfeld bin selbst ich als Auszubildende oft mit der ganzen Kindergruppe alleine. Häufig arbeiten meine Kolleg*innen und ich schon über die acht Stunden hinaus. Wenn uns nun auch noch die gesetzliche Grundlage genommen und unser Acht-Stunden-Tag angegriffen wird, sehe ich für unsere Zukunft schwarz. Wir brauchen wahre Entlastung und keine zusätzliche Belastung! Es geht nicht nur um uns, sondern auch um die Generationen von morgen!
Ekin, Pflegekraft aus Duisburg-Essen
Angriffe auf den Acht-Stunden-Tag belasten vor allem Pflegeberufe, eine Berufsgruppe, die jetzt schon regelmäßig auf ihre gesetzliche Ruhezeit verzichten muss. Zwar ist im Arbeitszeitgesetz eine Ruhezeit von mindestens elf Stunden vorgeschrieben, doch gibt es auch eine Ausnahme für Pflegeberufe. Der aktuelle Angriff auf den Acht-Stunden-Tag stellt einen weiteren massiven Einschnitt in die hart erkämpften Arbeitsrechte der Pflege dar. Wir beobachten schon seit vielen Jahren, wie Bereiche der gesellschaftlichen Fürsorge vor allem in Krisenzeiten noch stärker betroffen sind und beispielsweise das Streikrecht infrage gestellt wird. Statt die Arbeitsbedingungen zu verbessern, drohen Einschränkungen, Überlastung, längere Arbeitszeiten und weniger Ruhezeit. Die wirtschaftlichen Interessen, vor allem in privatisierten Heimen und Kliniken, gehen auf unsere Kosten – der Pfleger:innen und Patient:innen
Ole, Zimmerer aus Hamburg
8h Tag, 40h Woche? Für viele meiner Kollegen und mich bereits jetzt schon weit weg von unserem Arbeitsalltag auf der Baustelle. Im Sommer heißt es, fleißig Überstunden sammeln. 9-10h Nettoarbeitszeit pro Tag sind keine Seltenheit, in vielen Fällen dann noch die unbezahlte Rückfahrt oben drauf. So bin ich an einem durchschnittlichen Tag von kurz nach sechs bis 17 Uhr auf der Arbeit, knappe 11h! Für unsere Chefs lohnt sich das natürlich, denn mit jeder gearbeiteten Stunde verdienen sie an uns!
