Industrie 4.0: Nehmen uns die Maschinen die Arbeitsplätze weg?

Seitdem ChatGPT im November 2022 das Internet auf den Kopf stellte, sind künstliche Intelligenzen aus dem Alltag vieler Menschen nicht mehr wegzudenken. Insbesondere für uns Jugendliche und junge Erwachsene spielt KI, in Form von Chatbots, bild- und tongenerierenden Apps eine große Rolle. Ob zur Unterstützung beim Lernen, zur Gewinnung von Lifehacks oder zum Spaßhaben beim Generieren lustiger Bilder und Videos, wir alle haben uns schonmal an den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenzen ausprobiert. Bei diesen Alltagsspielereien darf jedoch ein anderer, entscheidender Anwendungsbereich der KI nicht außer Acht gelassen werden: der Einsatz in der Arbeitswelt. In Deutschland setzen mit steigender Tendenz bereits über 40 Prozent aller Industrieunternehmen auf den Einsatz von KI in der Produktion, um unter anderem die Produktionsabläufe zu überwachen oder Roboter intelligent zu steuern. Mit diesen Entwicklungen geht eine Frage einher, die immer drängender und zunehmender gestellt wird: „Nimmt uns die Künstliche Intelligenz die Arbeit weg?“. Was verbirgt sich hinter populären Schlagzeilen wie dieser und was bedeuten die technologischen Entwicklungen der Gegenwart tatsächlich für unsere Zukunft als junge Menschen auf dem Arbeitsmarkt?

Diese Diskussion ist nicht neu

Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass das Unbehagen mit der Entwicklung technischer Innovationen nichts Neues ist. Bereits im frühen 19. Jahrhundert zerstörten die „Maschinenstürmer“ insbesondere in England neu errichtete Fabriken, da sie fürchteten, durch die neuen Maschinen ersetzt zu werden und sich nicht mehr ernähren zu können. Und auch später produzierten maßgebliche Innovationen – von der Dampfmaschine über das Fließband bis hin zu den ersten Computern – regelmäßige Proteste, die ein Wegfallen von Arbeitsplätzen befürchteten. Die Massenarbeitslosigkeit blieb jedoch aus. Während einige Branchen langsam ausstarben und tatsächlich ersetzt wurden, entstanden gleichzeitig immer wieder neue Branchen und Arbeitsplätze. 

Können wir die gegenwärtige Debatte um die Gefährdung der Arbeitsplätze durch künstliche Intelligenz und Roboter also unbesorgt ignorieren? So einfach ist es nun auch wieder nicht.

Worum es wirklich geht

Zum einen muss die neue Qualität der gegenwärtigen Entwicklungen begriffen werden, die hierzulande auch unter dem Begriff Industrialisierung 4.0 zusammengefasst werden. Künstliche Intelligenz, Roboter und vernetzte Maschinen sollen in die Produktion und die Verwaltung eingeführt werden, um die dort geleistete Arbeit effizienter und produktiver zu gestalten. Das fundamental neue Element der aktuellen Entwicklungen ist, dass die Maschinen nun selbst zu Akteuren werden sollen. Während Arbeiterinnen und Arbeiter die technologischen Maschinen bisher noch bedienten oder zumindest kontrollierten, soll mit der künstlichen Intelligenz als eigenständigem Akteur tatsächlich ein wesentlicher Teil von Arbeitsprozessen ersetzt werden. 

Zum anderen darf nicht vergessen werden, wozu und aus welchem Grund technologische Innovationen eingeführt werden. Diese Frage ist eindeutig zu beantworten: Es sind die Großkonzerne, die sich von der Einführung neuer Techniken eine steigende Produktivität und damit steigende Profite erhoffen. Diesen Unternehmen geht es nicht um bessere Arbeitsbedingungen oder mehr Freizeit für die Arbeiterinnen und Arbeiter, sondern einzig und allein um Gewinne. Dazu sind die Unternehmen gewissermaßen gezwungen, technologische Innovationen im Bereich der Industrialisierung 4.0 in ihren Arbeitsprozessen zu integrieren, um im Wettbewerb mit anderen Unternehmen nicht den Kürzeren zu ziehen. 

Es ist also durchaus davon auszugehen, dass sich der Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren durch die Integration von KI und Robotern wandeln wird und es in einigen Branchen zu Massenentlassungen und Arbeitslosigkeit kommen wird. Gleichzeitig scheinen Szenarien einer allgemeinen Massenarbeitslosigkeit verkürzt zu sein, weil sie die Interessen der Unternehmen und Konzerne verkennen. Große Mengen an arbeitslosen Arbeiterinnen wären für diese Unternehmen eine verschenkte Chance auf gesteigerte Profite. Das heißt: Obwohl die neuen Maschinen effizienter und schneller sind, werden die Unternehmen Wege finden, Arbeitskräfte weiterhin einzubinden, weil sie nach wie vor wirtschaftlich von ihrem Einsatz profitieren. Es ist vor allem zu erwarten, dass hierbei neue, prekäre Jobs geschaffen werden, um aus den Arbeiterinnen noch den letzten Cent Gewinn herauszupressen. Außerdem müssen die Kosten der neuen Technologien beachtet werden, denn solange es für die Großkonzerne günstiger ist, Dienstleistungen oder handwerkliche Jobs in den globalen Süden zu verlagern, wird eine Automatisierung dieser Arbeitsprozesse hier nicht stattfinden. 

Mehr Stress, weniger Rechte – was hinter der „Verdichtung der Arbeit“ steckt

Doch die Frage ist nicht nur, ob uns „die Technik” Arbeitsplätze „wegnimmt“. Viel häufiger verändert sie die Arbeit selbst und das nicht zum Besseren. Die Einführung von KI, Automatisierung und neuen Technologien bedeutet für viele vor allem: mehr Stress, mehr Kontrolle, weniger Sicherheit. Anstatt die Arbeit zu erleichtern oder die Arbeitszeit zu verkürzen, geht es in der Praxis darum, mehr Produkte in kürzerer Zeit und mit weniger Kosten herzustellen. Die Folge ist eine Verdichtung der Arbeit. Damit ist gemeint, dass weniger Arbeiter*innen mehr Aufgaben in kürzerer Zeit erledigen müssen und gleichzeitig einer verstärkten Arbeitsplatzüberwachung ausgesetzt sind. Die Technik wird nicht eingesetzt, um zu entlasten, sondern um zu kontrollieren.

Auch die neue Flexibilität, die Jobs versprechen, bedeutet häufig Unsicherheit. Heute Frühschicht, morgen Spätschicht, übermorgen ein Anruf: „Du brauchst morgen doch nicht kommen“. Gerade junge Leute und Menschen ohne festen Arbeitsvertrag erleben diese Unsicherheit besonders stark. Gleichzeitig wird uns gesagt, wir müssten uns „anpassen“, „resilient“ sein oder „lernen, mit Stress umzugehen“. Aber das eigentliche Problem ist nicht die Stressbewältigung, sondern die Bedingungen, unter denen wir arbeiten müssen.

Ob im Lager, im Büro oder in der Pflege: KI übernimmt Aufgaben, die unsere Arbeit kontrollierbarer machen und nicht leichter. Apps geben Tempo und Pausen vor, Algorithmen messen Leistung. So werden wir nicht unterstützt, sondern überwacht. Gleichzeitig macht uns Technik leichter ersetzbar. Wenn Maschinen Abläufe übernehmen, zählt unsere Erfahrung weniger – und unsere Verhandlungsmacht schrumpft.

Und trotzdem verschwinden die schlimmsten Jobs nicht. Gefährliche oder schlecht bezahlte Arbeit bleibt bestehen, solange sie billiger ist als Technik. In Kobaltminen im Kongo oder Textilfabriken in Indien lohnt sich die Arbeit für Unternehmen mehr als Automatisierung. Es geht nicht darum, ob Technik möglich ist, sondern ob sie sich für Unternehmen „rechnet“. 

Die eigentliche Frage: Wie Technik eingesetzt wird

Die entscheidende Frage ist nicht, welche Technik entwickelt wird, sondern wer darüber entscheidet, wie sie eingesetzt wird und welchem Zweck sie dient. Die entscheidende Frage ist also, wem sie nützt. Wenn Eigentümer der Banken und Konzerne entscheiden, wie die Technik auszusehen hat, wird sie so programmiert, dass sie möglichst viel Profit einbringt. Das heißt nicht, dass die Technik dann auch in unserem Interesse, der arbeitenden und lernenden Jugend, eingesetzt wird. Denn sie ist nicht konzipiert, um unsere Arbeit angenehmer oder sinnvoller zu machen. Wir dürfen nicht vergessen, Technik ist nicht per se schlecht, wird aber häufig gegen uns und unsere Interessen eingesetzt. Aber das muss nicht so sein. Technik ist nicht unser Feind, aber auch kein eigenständiger Akteur, sondern von Menschen gemacht. Wenn jemand entlassen wird, dann war das eine bewusste Entscheidung. Dabei könnte Technik unser Leben tatsächlich besser machen, wenn sie in unserem Interesse entwickelt werden würde. Dass sie Arbeit erleichtert, Zeit spart, uns gesund hält, unsere Fähigkeiten unterstützt. Aber das passiert nicht von allein, sondern es passiert nur, wenn Technik nicht für Profitinteressen, sondern für unsere Bedürfnisse entwickelt und eingesetzt wird.

»Ob im Lager, im Büro oder in der Pflege: KI übernimmt Aufgaben, die unsere Arbeit kontrollierbarer machen und nicht leichter.«

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