Am 5. Mai ist der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Protest ist auch bitter nötig, denn von Inklusion sind wir weit entfernt. Seit Jahrzehnten setzen sich Behindertenrechtsorganisationen für den Abbau von Barrieren und mehr Teilhabe ein. Noch immer sind Bahnhöfe, Cafés und Kinos nicht rollstuhlgerecht, Online-Formularen fehlen Vorlesefunktionen, und Menschen mit Behinderung zahlen extrem hohe Beiträge für Krankenversicherungen. Jeder vierte junge Mensch mit Behinderung lebt unter der Armutsgrenze, und Menschen mit Behinderung sind häufiger langzeitarbeitslos. Dabei ist das Recht auf gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsmarkt längst in der UN-Behindertenrechtskonvention wie auch im deutschen Gesetz verankert. Trotzdem stagniert die Zahl der Beschäftigten mit Behinderung seit Jahren bei etwa 1,1 Millionen.
Aufzug außer Betrieb
Schon der Zugang zum Arbeitsmarkt ist nicht barrierefrei: Wege sind nicht rollstuhlgerecht, wegen Pflegeaufwand kann man oft nur in Teilzeit arbeiten, oder man braucht spezielle Hilfsmittel am Arbeitsplatz – obwohl man für den Job eigentlich qualifiziert ist. Für viele Unternehmen bedeuten Beschäftigte mit Behinderung vor allem Mehrausgaben, die sich nur selten „lohnen“ und daher vermieden werden – um den Profit nicht zu mindern. Auch deswegen sind Menschen mit Behinderung mehr als doppelt so häufig arbeitslos.
Billige Arbeit, hohe Profite
So landen viele Menschen mit Behinderung direkt nach der Schule oder nach langer Arbeitssuche in Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM). Über 300.000 Menschen arbeiten dort. Sie montieren Kleinteile, falten Verpackungen, machen IT-Dienstleistungen – für Konzerne wie VW, Siemens, Bosch, Unilever, dm oder sogar für die Bundeswehr. Diese Unternehmen machen Jahr für Jahr Milliardengewinne: VW erzielte 2023 zum Beispiel 12,4 Milliarden Euro Gewinn. Die Werkstattmitarbeiter:innen, die ihre Produkte mit herstellen, sehen davon nichts. Sie verdienen etwa ein bis zwei Euro pro Stunde, im Schnitt 226 Euro im Monat. Deswegen sind sie oft auf staatliche Unterstützung angewiesen, womit die Gewinne der Unternehmen indirekt noch weiter subventioniert werden. Die Unternehmen profitieren so doppelt: Sie bekommen billige Arbeitskraft – und der Staat gleicht die Differenz aus.
Da die Werkstätten gewinnorientiert arbeiten, müssen die Aufträge pünktlich fertig werden. Individuelle Förderung einzelner Mitarbeiter:innen ist also nur bedingt möglich. Jährlich werden nur etwa 80 von über 300.000 Beschäftigten in eine reguläre Anstellung vermittelt. Dabei finden etwa ein Drittel der Tätigkeiten, die in den Werkstätten ausgeführt werden, genauso gut auf dem regulären Arbeitsmarkt statt. Trotzdem gilt die Beschäftigung in der Werkstatt nur als „arbeitsähnlich“. In dieser Sonderregelung gibt es keine Arbeitsrechte: kein Tariflohn, keine Betriebsräte, kein Streikrecht – keine Möglichkeiten, Mitbestimmung oder Verbesserung zu erkämpfen. Natürlich sind die Werkstätten oft besser angepasst an die Bedürfnisse der Mitarbeiter:innen mit Behinderung – echte Inklusion ist das aber nicht!
Inklusion heißt Mindestlohn
Als Argument für das Werkstattsystem wird oft angeführt, dass Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt keine 40-Stunden-Woche schaffen oder den Druck nicht aushalten würden. Das sagt vor allem etwas über unsere Arbeitsbedingungen aus – denn sie sind auf maximale Profite für einige Wenige ausgelegt, nicht auf unsere körperlichen und psychischen Grenzen. Psychische Erkrankungen durch Stress, Überstunden und schlechte Arbeitsbedingungen nehmen seit Jahren zu. Mindestens ein Drittel der Beschäftigten ist am Arbeitsplatz auch durch körperliche Belastung gefährdet.
Während Werkstattplätze ausgebaut werden, wird in den Bereichen Soziales und Gesundheit seit Jahren massiv gekürzt. Das trifft Freizeitangebote, Schul- und Familienunterstützung sowie Alltags- und Arbeitsassistenz und Therapieangebote für Menschen mit Behinderung – Angebote, die Inklusion überhaupt erst ermöglichen würden.
Echte Inklusion bedeutet, für Arbeits- und Lebensbedingungen zu kämpfen, die sich nach unserem Leben und unserer Gesundheit – und nicht nach ihren Profiten – ausrichten.
Wir fordern: Mindestlohn für alle und Arbeitszeitverkürzung für echte Entlastung!
