„Stonewall was a Riot“ oder?
Jährlich leuchten Städte im Juni zum Pride-Month in Regenbogenfarben. Große Demozüge laufen durch Großstädte, die Pride-Fahnen werden gehisst und zahlreiche Partys werden gefeiert. Doch hinter all diesen Feierlichkeiten stehen wichtige Forderungen für ein selbstbestimmtes Leben und gegen die anhaltende Diskriminierung, die LGBTIQ-Menschen auch in Deutschland erfahren.
Der Christopher Street Day hat seinen Ursprung in den 1960er Jahren in New York. Er wurde in Erinnerung an die Stonewall-Aufstände ins Leben gerufen, der als kämpferischer Tag für die Befreiung von LGBTIQ-Menschen galt. Das Stonewall Inn, eine Bar, die damals in der Christopher Street war, ist in den 1960ern einer der wenigen Treffpunkte in New York für homosexuelle Menschen, Drag Queens und trans Personen gewesen. Gerade solche Orte wie das Stonewall Inn waren Ziel von polizeilichen Razzien und staatlichen Repressionen.
In der Nacht des 28.06.1969 fand eine dieser Razzien statt. Doch diesmal leisteten die Besuchenden Widerstand. Fünf Tage lang gab es heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei. LGBTIQ-Menschen kämpften gemeinsam für ihren Raum. Der 28. Juni gilt seit jeher als Kampftag.
In den 70er Jahren schwappte diese Welle auch nach Deutschland über. Getragen wurde diese Bewegung noch hauptsächlich von Studierenden. Die wichtigste Forderung damals befasste sich mit der Streichung des Paragraphen 175, der sexuelle Handlungen unter Männern strafbar machte.
Während die Anfänge des CSD in Deutschland mit gerade einmal 400 Menschen in Berlin begonnen haben, gehen heute Hunderttausende deutschlandweit im Juni auf die Straßen. Doch was in den 1960ern noch als ein unbestrittener Akt des politischen Widerstands erkennbar war, ist in den letzten Jahren immer mehr zur Plattform riesiger Konzerne und ihrer Selbstvermarktung geworden. Neben ihnen lassen sich auch staatliche und politische Institutionen blicken, solange es ihrem Image und ihren wirtschaftlichen Interessen dient. Zahlreiche Firmen schmücken ihre Logos während des Pride-Month mit Regenbogenfarben, während sie in Ländern tätig sind, in denen das Leben von LGBTIQ-Personen kriminalisiert wird und teils in großer Gefahr ist.
Ob Polizei, Bundeswehr, Banken, große Firmen oder der Wahlkampf politischer Parteien – im Juni scheint allen plötzlich kein Anliegen dringender zu sein als sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Dabei sind es gerade sie, die wesentlich dazu beitragen, dass die ursprünglich stark politischen Demonstrationen und die damit verbundenen konkreten Forderungen immer mehr verwässert und für PR und den eigenen Profit unterwandert werden.
Die Polizeigewalt gegenüber LGBTIQ-Personen und denjenigen, die sich für sie einsetzen, findet immer wieder statt und spätestens nach den Ereignissen in Bautzen im letzten Jahr sollte klar sein, dass kein ehrliches Interesse besteht, Betroffene von rechter und queerfeindlicher Gewalt zu schützen. Dort gab es eine Gegendemo von Rechtsextremen und Neonazis unter Schutz der Polizei.
Rechte Ideologien und strukturelle Gewalt – warum bleibt LGBTIQ Leben so unsicher?
Die Straftaten gegen LGBTIQ-Menschen sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Im Jahr 2023 sind insgesamt 2353 Taten queerfeindlicher Gewalt in Deutschland erfasst worden. Die Zahl der Delikte aufgrund der sexuellen Orientierung der Betroffenen ist dabei im Vergleich zum Vorjahr um knapp 50 % gestiegen und jene Gewalt gegen trans und nicht-binäre Menschen ist um etwa 105 % gestiegen. Etwa ein Drittel dieser gemeldeten Gewalt gegen die sexuelle Orientierung wurde in Verbindung mit rechter Ideologie verübt. Die Dunkelziffer wird sehr hochgeschätzt, da viele Straftaten gar nicht erst angezeigt werden. Deutlich wird, dass LGBTIQ-Personen sehr gefährdet sind, gewaltvolle Anfeindungen zu erfahren und zum Opfer von rechter Gewalt zu werden.
Diese Zahlen sind im Kontext der letzten politischen Jahre zu betrachten. Mit den diesjährigen Wahlen haben wir mit Friedrich Merz nun einen Kanzler, dessen Partei das vor kurzem erst verabschiedete Selbstbestimmungsgesetz (STGG) völlig ablehnt: “Wir schaffen das Selbstbestimmungsgesetz der Ampel wieder ab”, heißt es im aktuellen Wahlprogramm der CDU/CSU. Das Gesetz soll unter anderem Menschen die Möglichkeit geben, ihren Geschlechtseintrag oder ihren Vornamen mit weniger Hürden als bisher ändern zu lassen.
Rückschrittliche sowie transfeindliche Politik sind kein neumodisches Phänomen. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg hat es in Berlin Forschungen zur Transgeschlechtlichkeit gegeben, die 1933 mit dem Beginn der NS-Zeit Repressionen und Verfolgung erfahren haben. So gab es seit 1919 ein Institut für Sexualwissenschaften, das 1933 geschlossen und alle Textdokumente der queeren Forschung vernichtet wurden.
Zwar gab es seit Jahren einige Meilensteine auf dem Papier – etwa die Ehe für alle in Deutschland oder das neue Selbstbestimmungsgesetz. Doch der spürbare Rechtsruck und die sich verschärfenden sozialen Kürzungen der Bundesregierung sorgen ganz im Gegenteil dafür, dass sich die Lage auch für LGBTIQ-Menschen aktuell immer weiter verschärft.
Die Ampelregierung beispielsweise hat sich als modern und offen inszeniert – während sie in der Realität Kliniken geschlossen hat, die Pflege kaputtgespart und die Krankenkassenbeiträge gerade erst steigen lassen hat. Schlechte Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern und verkürzte, teure oder unzureichende Behandlungen sind inzwischen zum Alltag geworden. Psychotherapieplätze sind knapp und die Wartezeiten lang. Auch sozialwissenschaftliche oder medizinische Forschung muss immer häufiger fürchten, dass insbesondere im Bereich queerer Forschung Gelder gestrichen oder ganze Studiengänge und Fakultäten für Einsparungen geschlossen werden.
Ein großer Teil von uns jungen Menschen ist armutsgefährdet – schlechte Bezahlung in der Ausbildung, zu wenig BAföG und einen Minijob für Mindestlohn kennen wir alle. LGBTIQ-Personen sind dabei zusätzlich einem höheren Armutsrisiko ausgesetzt. Das Geld reicht vielen von uns kaum für die Miete, geschweige denn für ein selbstbestimmtes Leben. Während wir keine bezahlbare Wohnung finden, werden Luxuswohnungen gebaut, weil sie für Investoren mehr Profit bringen. Die Wohnungen sind nicht für uns gedacht – sondern für ihren Profit. Manche gleichgeschlechtliche Paare müssen sich aus der Not heraus als Freunde ausgeben, nur um überhaupt eine Wohnung bekommen zu können.
Die geringe Akzeptanz von LGBTIQ-Personen sorgt dafür, dass diese öfter in unsicheren Wohnverhältnissen oder sogar in der Obdachlosigkeit landen als andere Menschen. Die derzeitige Politik handelt nicht in unserem Interesse – weder als Queers, noch als arbeitende und lernende Jugend. Mit der aktuellen Sparpolitik verschlechtert sich unsere Lage, die sowieso schon nicht gut war, immer mehr. Während wir Geld in Bildung, Gesundheit und Kultur brauchen, werden Milliarden in Rüstung und Kriege gesteckt. Denn die Politik handelt im Interesse der Banken, Konzerne und jener, die für ein System stehen, das auf Ausbeutung und Unterdrückung basiert.
Gemeinsam kämpfen: LGBTIQ-Widerstand ist Klassenkampf
Hinter all den Feierlichkeiten und lauter Musik rücken die politischen Forderungen für Selbstbestimmung und die Befreiung von LGBTIQ-Menschen oft in den Hintergrund. Die Reformvorschläge dazu reichen von Erweiterungen des Grundgesetzes, einer Reform des Abstammungsgesetzes bis zu Anpassungen von Lehrplänen in den Schulen oder der Förderung von Akzeptanz von LGBTIQ-Menschen. Viele der aktuellen Forderungen konzentrieren sich also auf rechtliche Gleichstellung und individuelle Schutzmaßnahmen. Während diese Schritte wichtig sind, greifen sie oft zu kurz, da sie einerseits die Strukturen unangetastet lassen, die Ungleichheit und Ausbeutung fördern und verursachen. Außerdem bleibt offen: Wer profitiert von der geschlechtlichen und sexuellen Unterdrückung und welche tatsächlichen ökonomischen Zusammenhänge bleiben damit unerkannt?
Ursprünglich galt der Tag den kämpferischen Aufständen in der Christopher Street, weitergeführt als eine Bewegung von unten. Heute ähnelt er einer großen Party, die überschattet wird von all denen, die gegen unsere Interessen stehen. Regenbogenfahnen auf Polizeiautos und vermeintlich tolerante Bundeswehrwerbung befreien uns noch lange nicht aus den Fesseln des Systems. Der Christopher Street Day darf kein Ort des Marketings sein.
Deshalb ist es für uns an der Zeit, den CSD wieder zu politisieren und ihn als Plattform zu nutzen, um nicht nur für rechtliche Gleichstellung, sondern gemeinsam für ein Ende jeglicher Unterdrückung und Ausbeutung zu kämpfen. Wir sollten diese Kämpfe für Gerechtigkeit nicht getrennt voneinander sehen, wenn die Ursprünge unserer Probleme die gleichen sind. Wer im Krankenhaus für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne streikt, kämpft genauso für eine bessere medizinische Versorgung von LGBTIQ-Menschen.
Lasst uns also nicht nur feiern, sondern auch kämpfen – Seite an Seite für eine Welt ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Diskriminierung.
LGBTIQ: Lesbian, Gay, Bisexual, Trans*, Inter*, Queers – Beschreibt Formen der sexuellen Orientierung, wie auch Geschlechtsidentitäten.
