Auch dieses Jahr kommen wir vom 01. bis zum 10. August wieder mit hunderten jungen Menschen ab 15 Jahren, als Schüler:innen, Auszubildende, Arbeiter:innen und Studierende aus vielen verschiedenen Orten am Attersee in Österreich zusammen. Dort schaffen wir uns für zehn Tage eine solidarische Gemeinschaft, in der wir voneinander lernen, unsere Fähigkeiten entdecken und ausbauen und neue Freundschaften schließen.
Wir blicken auf eine Zeit zurück, in der unsere Sorgen und Ängste als junge Menschen gewachsen sind: Auf der ganzen Welt sehen wir Kriege, welche von der deutschen Regierung immer mehr durch Waffen- und anderen Rüstungsexporten unterstützt werden. Jegliche Form von Protesten gegen diese Umständen werden brutal aufgelöst und mit Repressionen und Einschränkungen unserer Meinungsfreiheit und Versammlungsrecht beantwortet. Generell kommen von Seiten der Bundesregierung immer mehr Aufrüstungsmaßnahmen. Es werden Beträge im Millionen-Bereich für Aufrüstung locker gemacht, es wird von einer Kriegstüchtigkeit gesprochen und die Bundeswehr kommt an unsere Schulen und in unsere Viertel um uns für sich zu gewinnen. Dass das Angebot einer erstmal sicher scheinenden und gut bezahlten Ausbildung bei der Bundeswehr bei vielen jungen Menschen anschlägt, wundert uns nicht. Denn wir sehen außerdem, dass nicht nur hunderttausende Arbeitsplätze in Deutschland gestrichen werden und Ausbildungsplätze schwer zu finden und schlecht bezahlt sind, sondern auch, dass auf die nicht nur berechtigten sondern auch nötigen Streiks der Gewerkschaften und Arbeitnehmer mit Unverständnis und Beschwichtigung seitens der Arbeitgeber reagiert wird.
Zudem wird die rassistische Hetze immer lauter. Seit Jahren sehen wir einen starken Rechtsruck, der sich nicht nur in rechten Anschlägen und der fehlenden Aufklärung davon äußert, oder in dem Generalverdacht, dem migrantische und vor allem arabisch-stämmige Menschen ausgesetzt sind. Sondern beispielsweise auch in der Erstellung eines sogenannten Sicherheitspaketes, das angeblich vor Terror schützen soll, aber nur ein Deckmantel für eine skrupellose und menschenunwürdige Abschiebe-Politik der Bundesregierung ist.
Auch die Unterdrückung der Frau nimmt immer stärkere Maße an. Geschlechterbasierte Gewalt nimmt immer weiter zu und wird weder abgefangen noch bekämpft und Frauen verdienen im Schnitt immer noch sieben Prozent weniger Lohn als Männer.
Gleichzeitig wird alles teurer, wir finden kaum mehr bezahlbare Wohnungen, unsere Jugendzentren werden geschlossen und unsere Schulen und Unis werden so kaputt gespart, dass uns wortwörtlich die Decken auf den Kopf fallen. Das BaföG ist dabei um Längen zu wenig, um davon zu leben und auch die meisten Auszubildenden können von ihrem Gehalt kein WG-Zimmer finanzieren, womit sehr vielen ein selbstbestimmtes Leben verwehrt bleibt.
Wir erfahren also an allen Enden und Ecken Unterdrückung, Ausbeutung und wie Krisen und Kriege auf unserem Rücken ausgetragen werden. Als Jugend sind wir unzufrieden und uns ist klar, dass auch die neue Regierung nach den Neuwahlen an diesen Problemen nichts verändern wird – ganz im Gegenteil! Sie wird weiter Politik gegen unsere Interessen machen und sie wird Migrant:innen und Geflüchtete für schuldig erklären und versuchen, unsere gemeinsame Stimme gegen die Missstände zu spalten! Aber wir halten zusammen, denn wir teilen unabhängig von unserer Herkunft oder Sprache den gemeinsamen Wunsch nach guter Arbeit, guter Bildung und einer lebenswerten Zukunft! Wir wissen, dass immer mehr von uns etwas verändern wollen.
Unser Sommercamp ist ein Ort, an dem wir als Auszubildende, junge Arbeiter, Schüler und Studierende zusammenkommen und ein Zeichen gegen die aktuellen Probleme in unserer Gesellschaft setzen! Wir stärken uns gegenseitig den Rücken und zeigen, wie ein solidarisches Leben aussehen kann.
Was erwartet uns beim Sommercamp:
In mehreren täglichen Seminaren und Workshops tauschen wir uns über all diese Themen aus und lernen dabei voneinander. Dabei setzen wir uns nochmal ausführlicher mit Fragen auseinander wie „Wer profitiert eigentlich von Krieg?“, „Sind Frauen noch unterdrückt?“ oder „Werden wir alle bald abgeschoben?“. Egal, mit welchem Vorwissen, man lernt dazu, redet mit und trägt mit den Inhalten zu einem erfolgreichen Austausch bei. Manchmal laden wir sogar spannende Gäste aus bestimmten Fachbereichen ein. Letztes Jahr zum Beispiel durften wir Marcus Staiger fragen, was Deutschrap mit Politik zu tun hat und konnten uns mit Wieland Hoban von der jüdischen Stimme über den Krieg im Nahen Osten austauschen. Zudem schaffen wir in unseren Arbeitsgruppen täglich Möglichkeiten, um die eigenen Talente und Leidenschaften zu entdecken und zu stärken.
In den verschiedenen Medien-AGs lernen wir, wie wir politische Inhalte in sozialen Medien unterbringen können, politische Fotos machen, wie man richtig gute Artikel schreibt und bringen sogar Ausgaben einer Camp-Zeitung oder eines Camp-Podcasts heraus. Dort lernen wir, wie man mit politischem Journalismus den herrschenden Medien und der Presse was entgegensetzt und im Interesse uns junger Menschen berichtet.
Bei der Kurzfilm-AG treiben wir das ganze noch ein bisschen weiter und produzieren vor der filmreifen Kulisse der Berge Österreichs ganze Kurzfilme die unsere Lebensrealitäten, in denen wir zum Beispiel Rassismus, Aufrüstung und soziale Kürzungen aufgreifen und kreativ in Szene setzen. Oder auch Musikvideos, für die in der Musik-AG geschriebenen und produzierten Songs über den Krieg in Gaza und Rassismus in Deutschland aber auch über Liebe und Freundschaft, die nicht nur einem Ohrwurm, sondern auch einen Kampfgeist hinterlassen.
Bei der Theater-AG stellen wir innerhalb der zehn Tage ganze Theater-Stücke auf die Beine und schaffen es am Ende den Saal in einem Moment mit Improvisationen zum Lachen zu bringen und in dem anderen Moment beispielsweise mit einer Inszenierung der Gastarbeiter-Bewegung zu Tränen zu rühren. Ähnlich emotional wie wenn die Live-Musik-AG am letzten Abend gecoverte aber auch eigene Hits rausholt, die die Taschenlampen schwenken lassen und uns Arm in Arm singend die Solidarität und Gemeinschaft spüren lassen.
Aber auch das Tanzbein wird geschwungen und während das an dem bestimmt ein oder anderen Halay-Abend für das ganze Camp gilt, erarbeitet sich die Tanz-AG eine bewegende Choreo, die sich sehen lässt.
Zudem gibt es für die ganz motivierten unter uns eine Kampfsport-AG, bei der man einen Einblick in verschiedene Techniken und Kampfsport-Arten bekommt, und zwar auch mit ordentlich Muskelkater aber vor allem mit neuen Skills rausgehen wird.
Bei der Kunst-AG werden wir kreativ und malen die Kulisse des Attersees auf Leinwände und politische Sprüche auf Demo-Banner. Bei der Graffiti-AG beschäftigen wir uns nicht nur mit den politischen Hintergründen von Street-Art und lernen Tags und Schriften, sondern nehmen sogar die Spray-Dose in die Hand und setzen unsere Visionen auf mit Folie gebastelten „Wänden“ um.
In all diesen AGs lernen wir neue Sachen, entdecken Talente und haben eine Menge Spaß, aber vor allem können wir in ihnen lernen, wie wir politische Inhalte in unseren Alltag und unsere Hobbies integrieren und damit die Arbeit in unseren Orten stärken können. Denn genau dort, wo unser Leben stattfindet und wo wir täglich Ausbeutung und Unterdrückung erfahren, müssen wir diesen Umständen den Kampf ansagen.
Wie sieht so ein Camp-Tag aus?
Nachdem man sein Zelt aufmacht, wird man erstmal von der morgendlichen Sonne begrüßt. Dann gehts zum Frühstück, was eine sich abwechselnde Gruppe schon fleißig vorbereitet hat. Denn auf dem Camp gestalten wir unseren Alltag selbst: Wir kochen und essen gemeinsam und räumen danach auch gemeinsam auf. Wir kümmern uns um unseren Platz und unsere Gemeinschaft.
Darauf folgen die AG-Phasen, Seminare und der ein oder andere Workshop und nach dem Mittagessen gibt es meistens erstmal Freizeit. In der kann die Gegend erkundet und zum Beispiel ein Ausflug zum Wasserfall gemacht werden. Auch gibt es gerne mal ein Beach-Volleyball oder Fußballturnier, was immer wieder mit erfrischenden Hüpfern in das glasklare, türkise Wasser des Attersees unterbrochen werden kann. Soll es außerdem zwischendurch mal ein kaltes Getränk oder Eis sein, steht dafür auch unser eigener Bakkal (Kiosk) zur Verfügung. Dort kann man auch gut den Abend mit vielen neuen und alten Freunden bei einem Çay oder Toast ausklingen lassen.
Außerdem erwartet dich ein Tagesausflug nach Wien, um die Hauptstadt zu erkunden oder ein gemeinsamer Wander-Tag um unser Camp an der Seite der heimischen Bergziegen mal von oben zu betrachten.
