Seit über 100 Jahren gehen wir am 8. März auf die Straße. Seinen Ursprung hat dieser Tag in der Arbeiterbewegung. An diese Geschichte anzuknüpfen ist besonders heute wichtig, denn der 8. März ist umkämpfter denn je.
Geschichte des 8. März
Im 19. Jahrhundert begannen sich immer mehr Frauen, für ihre Rechte zu organisieren. Dieser Trend war kein Zufall: Immer mehr Frauen fingen an, genau wie die Männer für Lohn arbeiten zu gehen und die klassische Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau, zwischen Lohnarbeit und Haushalt, wurde immer mehr zum weit entfernten Ideal, das nichts mehr mit der Realität zu tun hatte. Doch je ähnlicher die Stellung von Frau und Mann in der Gesellschaft wurde, desto offensichtlicher wurden die Ungerechtigkeiten: Die Frauen verrichteten nach wie vor den Großteil der Hausarbeit, sie wurden schlechter bezahlt, was zu Abhängigkeit vom Mann führte, ihr Recht auf körperliche Selbstbestimmung wie Abtreibung war extrem eingeschränkt und sie durften nicht wählen. Gegen all diese Ungerechtigkeiten fingen die Arbeiterfrauen an, sich zu organisieren. Auch die bürgerlichen Frauen aus den höheren Klassen gründeten erste Frauenvereinigungen – diese wollten ebenfalls das Wahlrecht und die Möglichkeit, sich zu bilden und gleichberechtigt neben dem Mann zu stehen. Doch zwischen der bürgerlichen, feministischen (der Begriff „Feminismus“ kommt in seinem Ursprung nicht aus der proletarischen, sondern aus der bürgerlichen Frauenbewegung) und der proletarischen Frauenbewegung blieb ein tiefer Graben, denn die bürgerlichen Frauen wollten zwar gleiche Rechte, aber dass ansonsten alles blieb, wie es war, während die proletarischen Frauen eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft und ein Ende der Klassengesellschaft und der Ausbeutung forderten. Sie sahen sich nicht nur als Frauen unterdrückt, sondern als Arbeiterfrauen und waren an der Seite der männlichen Arbeiter ein Teil der allgemeinen Arbeiterbewegung.
Von ihnen wurde 1907 die sozialistische Fraueninternationale gegründet, die den Kampf der Arbeiterfrauen weltweit bestärken wollte. 1911 wurde ein internationaler Frauenprotest organisiert, der als Hauptforderung das Frauenwahlrecht hatte. Mehr als eine halbe Million Menschen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Dänemark schlossen sich dem Aufruf an. Während des Ersten Weltkriegs waren die sozialistischen Arbeiterfrauen ein wichtiger Teil des Widerstands gegen den Krieg und nach dem Krieg gründete sich die Kommunistische Internationale. Diese beschloss 1921 auf einem Kongress der Kommunistischen Fraueninternationale, den 8. März als Frauentag festzulegen. Das Datum erinnert an den Streik der Arbeiterinnen 1917 in der Petrograder Rüstungsfabrik Putilow und somit an den Kampf der Arbeiterfrauen und ihren Beitrag zum Ende des Krieges.
Was seitdem geschah…
Die Vereinten Nationen (UNO) erklärten den 8. März 1977 offiziell zum Tag für die Rechte der Frauen und des Weltfriedens. Heute sehen wir auch teilweise, dass der Tag als ein Tag der Wertschätzung der Frauen gefeiert wird, an dem sie Blumen bekommen und gefeiert werden – eine schöne Tradition, die jedoch auch oft vergisst, dass der Kampf der Frauen von damals heute noch nicht gewonnen ist. Denn auch heute sind die Frauen, insbesondere die Arbeiterfrauen, nicht frei und ihre hart erkämpften Rechte werden sogar teilweise angegriffen (siehe Artikel auf Seite 12). Genau deswegen arbeiten wir jedes Jahr daran, den 8. März weiter aufleben zu lassen und mit den Forderungen und Sorgen der Arbeiterfrauen heute zu verknüpfen. Unser Ziel ist es, so vielen Frauen (und besonders Arbeiterinnen) wie möglich zu zeigen, dass der 8. März auch ihr Tag ist. Zwar können wir heute nicht eindeutig von einer bürgerlichen und einer proletarischen Frauenbewegung sprechen, aber wir können auch heute in den Bündnissen und Bewegungen verschiedene Arten sehen, den 8. März zu begehen. Wie stehen wir zu den verschiedenen Ansätzen? Und wie können wir es schaffen, den 8. März zum Tag der Sorgen und Kämpfe der Arbeiterinnen zu machen und somit an die proletarische Frauenbewegung von damals anknüpfen?
Frauenfrage ist Klassenfrage
Wir sehen aktuell, dass der 8. März in jedem Jahr wieder versucht wird, zum „Tag der Girlbosse“ zu machen. Unternehmen versuchen, mit Empowerment zu werben und so zu tun, als müsste den Frauen einfach nur klargemacht werden, dass sie alles schaffen können, wenn sie es nur genug wollen. Doch wir sind ja genau auf der Straße, weil es eben nicht so ist. Weil es nicht darum gehen kann, dass in DAX-Vorständen oder auf Werbeplakaten ein bisschen Diversität ins Spiel gebracht wird. Wir wollen nicht die Freiheit der Chefin, sondern die Freiheit der Arbeiterinnen – und genau diese Unterscheidung machte auch schon Clara Zetkin. Sie sagte: „Die Arbeiterinnen, welche nach sozialer Gleichheit streben, erwarten für ihre Emanzipation nichts von der Frauenbewegung der Bourgeoisie, welche angeblich für die Frauenrechte kämpft. Dieses Gebäude ist auf Sand gebaut und hat keine reelle Grundlage.“ Uns geht es am 8. März also nicht einfach um „Empowerment“, das uns verklickern will, dass auch wir Frauen es in der Gesellschaft nach oben schaffen können. Wir wollen die Abschaffung von Oben und Unten!
Frauen vs. Männer?
Eine große Frage ist auch immer wieder, ob auf dem 8. März eigentlich nur Frauen demonstrieren sollten oder ob der Protest für alle offen sein sollte. Für uns ist klar: Die Frauenbewegung ist kein Kampf von einem Geschlecht gegen das andere, sondern ein politischer Kampf gegen gesellschaftliche Probleme. Viele Frauen sehen in ihren Männern, Vätern, Söhnen und auch Kollegen zu Recht Verbündete in diesem Kampf. Wie auch die Arbeiterinnen damals den 8. März zu einem politischen Kampftag gemacht haben, versuchen auch wir heute mit dem 8. März alle anzusprechen und für den Kampf gegen die Unterdrückung der Frau zu gewinnen. Was dabei für uns entscheidend ist, das ist nicht das Geschlecht der Demonstrierenden, sondern die Forderungen: Wenn wir am 8. März für mehr Frauenhausplätze, gleichen Lohn für gleiche Arbeit und gegen die Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen auf die Straße gehen, dann ist es für uns ein Gewinn, so viele Menschen wie möglich dabei zu haben! (Zudem endet der Versuch, Personen aufgrund ihres Geschlechtes von Demos zu verweisen, was in einigen Städten mittlerweile gemacht wird, regelmäßig in diskriminierenden und spaltenden Ereignissen, die dem Tag mehr schaden als nützen).
Der 8. März ist für alle da!
Unser Hauptanliegen mit dem 8. März bleibt natürlich, so viele Frauen wie möglich auf die Straße zu bringen. Gerade in Zeiten, in denen immer größere Angriffe auf die erkämpften Rechte der Frauen vollzogen werden, brauchen wir eine Frauenbewegung, die versucht, immer mehr und neue Menschen anzusprechen. Anstatt beim Empowerment stehenzubleiben oder einen Geschlechter- oder Kulturkampf auszufechten, müssen wir uns vielmehr fragen, wie wir die Frauenfrage wieder zu einer Frage der Mehrheit der Gesellschaft machen. Die proletarische Frauenbewegung hat uns sehr wertvolle historische Erfahrungen an die Hand gegeben, an die wir heute anknüpfen, wenn wir beispielsweise Arbeitskämpfe und Frauenkampf am 8. März zusammenführen. Aber auch die Mottos und Forderungen, die wir aufstellen, müssen sich an diesem Zweck orientieren:
- Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen!
- Mehr Frauenhausplätze und Schutz vor Gewalt – Umsetzung der Istanbul-Konvention!
- Mehr Kitaplätze und bezahlbarer Wohnraum!
- Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!
- Rechtsruck stoppen – gegen alle Angriffe auf die erkämpften Rechte von uns Frauen!
- Solidarität mit allen Arbeitskämpfen – volle Umsetzung der Forderungen in der Tarifrunde im öffentlichen Dienst!
Lasst uns diesen 8. März auf die Straße gehen und zeigen, dass der Kampf der Arbeiterinnen von damals noch lange nicht zu Ende ist!
