Immer wieder hören wir: „In Deutschland sind wir doch gleichberechtigt. Du kannst alles werden, was du willst“. Doch der Schein der Erzählung von den emanzipierten, empowerten und gleichberechtigten Frauen trügt, wenn wir einen Blick in unseren Alltag werfen. Wir als arbeitende und lernende Frauen und Mädchen fühlen uns meistens alles andere als frei. Wie frei und gleichberechtigt sind wir wirklich? Warum werden wir immer noch in Rollenbilder gedrängt, die wir gar nicht erfüllen wollen?
Unsere Lebensrealitäten zeichnen nämlich ein ganz anderes Bild. Wir als Schülerinnen erleben ständig, dass von uns bestimmte Erwartungen bestehen – sei es in der Schule, im Freundeskreis oder sogar in der Familie. Schon in der Schule begegnen uns geschlechtsspezifische Erwartungen: Jungen werden in Mathematik und Naturwissenschaften eher gefördert, während Mädchen in sprachlichen und sozialen Fächern als begabter gelten. Wer diesen Klischees nicht entspricht, bekommt oft abwertende Bemerkungen zu hören. Dabei haben diese Vorstellungen nichts mit tatsächlichen Fähigkeiten zu tun. Schon bei unseren Müttern oder Tanten sehen wir, wie sie versuchen, monatlich mit ihrem Lohn über die Runden zu kommen und dabei von ihnen erwartet wird, noch den Großteil der unbezahlten Fürsorge-Arbeit zu übernehmen. Fürsorge- und Hausarbeit beinhaltet dabei jegliche unbezahlte oder schlecht bezahlte Arbeit, die im Haushalt und der Pflege, aber auch der Kinderbetreuung und Erziehung anfällt. Dabei scheint es eine Selbstverständlichkeit zu sein, dass diese Arbeiten größtenteils von Frauen erledigt werden. Von der angeblichen Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit sehen wir dabei nicht viel. Wir Frauen sind in unserem Alltag – sei es in der Familie, in der Uni, Schule oder auf der Arbeit – immer noch mit sexistischen Rollenbildern konfrontiert.
Keine Selbstbestimmung über unsere eigenen Körper…
Über unseren Körper und unser Erscheinungsbild wird ständig geurteilt. Mädchen bekommen früh vermittelt, dass ihr Äußeres eine zentrale Rolle spielt – sei es durch Schönheitsideale in den Medien oder durch direkte Kommentare aus dem Umfeld. Es beginnt bereits in der Schule mit Kleidervorschriften, die sich spezifisch an Mädchen richten – weil unsere Körper angeblich Lehrkräfte „ablenken“ könnten. Auch das Thema reproduktive Rechte betrifft uns bereits in jungen Jahren. In Deutschland ist ein Schwangerschaftsabbruch immer noch kriminalisiert. Nach §218 StGB ist ein Abbruch grundsätzlich illegal, nur unter bestimmten Auflagen bleibt er straffrei. Das bedeutet, Frauen müssen sich mit vielen Hürden wie Pflichtberatungen, Wartezeiten und einer schlechten Versorgungssituation herumschlagen, wenn sie sich für einen Abbruch entscheiden. Die Kriminalisierung sorgt dafür, dass Abtreibungen nach wie vor stigmatisiert werden und Frauen sich verurteilt fühlen, nicht die Rolle der fürsorglichen Mutter einzunehmen. Frauen sollen Kinder bekommen, egal ob sie es wollen oder nicht. Ärzt*innen, die Abbrüche durchführen, werden häufig eingeschüchtert und rechtlich verfolgt. Daher führen bis heute nur wenige Ärzt*innen Abbrüche durch. Auch die Kosten müssen häufig ganz oder teilweise selbst von den sich in Notlagen befindenden Frauen getragen werden.
Sexismus am Arbeitsplatz: Unterbezahlung und doppelte Belastung
Auch nach der Schule, wenn wir im Berufsleben stehen, geht es uns nicht besser. Frauen verdienen in Deutschland nach dem unbereinigten Gender-Pay-Gap durchschnittlich 18 Prozent weniger als Männer. Nach aktuellen Berechnungen des DGB kann die Mehrheit der berufstätigen Frauen in Deutschland ihre Existenz nicht durch ihr Einkommen sichern. Diese Ungleichheit ist kein Zufall, sondern das Ergebnis struktureller Unterdrückung. Der Equal-Pay-Day fällt zum fünften Mal in Folge auf den 7. März und symbolisiert, dass die ersten drei Monate im Jahr Frauen im Vergleich zu Männern „umsonst“ arbeiten. Doch auch darüber hinaus werden Frauen oft in schlechter bezahlte Branchen oder in Teilzeitarbeit gedrängt, weil sie nebenbei Sorgearbeit leisten müssen. Frauen arbeiten häufiger in prekären Beschäftigungsverhältnissen, sind von Altersarmut betroffen und müssen sich mit schlecht bezahlten Minijobs über Wasser halten.
Wir brauchen Strukturen, die uns von dieser Belastung befreien – die, die Erziehung der Kinder sowie den Haushalt zur gesellschaftlichen Aufgabe machen und jeder Frau ermöglichen, selbstständig und gleichberechtigt zu leben. Dazu gehören gebührenfreie und flächendeckende Kitas, eine bessere Bezahlung und die Anerkennung von Berufen im sozialen Bereich sowie ein gerechteres Steuersystem, das Frauen nicht in finanzielle Abhängigkeit drängt.
Kein ausreichender Schutz gegen Gewalt an Frauen
Wir als Frauen und Mädchen sind in allen gesellschaftlichen Bereichen mit alltäglichen Formen der Gewalt konfrontiert – von sexualisierter Belästigung auf der Straße bis hin zu psychischer und physischer Gewalt in Beziehungen. Bereits auf dem Schulhof werden sexistische Sprüche oder übergriffige Kommentare als „nur ein Scherz“ abgetan. Die extremste Form geschlechtsspezifischer Gewalt zeigt sich in Femiziden: Fast jeden Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet. Schutzräume wie Frauenhäuser gibt es zu wenige: Bundesweit fehlt es an mehr als 14.000 Frauenhausplätzen, und die wenigen vorhandenen sind extrem unterfinanziert und müssen oft selbstständig bezahlt werden. Im Haushalt für dieses Jahr werden für das „Bundesförderprogramm gegen Gewalt an Frauen“ nur 30 Millionen Euro eingeplant, während weitaus mehr Geld in Krieg und Militarisierung gepumpt wird. Das zeigt deutlich, wo die Prioritäten der Regierung liegen – nicht bei der Sicherheit und dem Schutz von Frauen.
Woher kommen diese Rollenbilder?
Sei es der sexistische Kommentar des Klassenlehrers, die Frage beim Bewerbungsgespräch: „Planen Sie in näherer Zukunft schwanger zu werden?“, die Belästigung auf der Straße oder die Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Dieser Sexismus hält sich nicht hartnäckig, weil es in der Natur von Männern liegt oder weil einzelne Männer sich entschieden haben, Frauen zu hassen. All die kleinen Erfahrungen aus unserem Alltag sind auf das System der Unterdrückung der Frau zurückzuführen. Von unserer doppelten Ausbeutung, Unterdrückung und Verdrängung in private Bereiche wie den Haushalt profitieren Unternehmen, die unsere unbezahlte Sorgearbeit als selbstverständlich voraussetzen, ebenso wie eine Politik, die uns in wirtschaftlicher Abhängigkeit hält.
Diese Rollenbilder – zum Beispiel Zärtlichkeit und Fürsorge als „weibliche“ Eigenschaften oder Stärke und Führungswillen als „männliche“ Eigenschaften – entstehen nicht aus der Natur, sondern aus den Strukturen der jeweiligen Gesellschaft. Sie hängen eng mit der Art zusammen, wie Menschen leben, arbeiten und ihre Gesellschaft aufrechterhalten. Klassengesellschaften, wo Arbeit und Sorgearbeit getrennt werden, sind auf die Rolle der Frau als kostenlose Erzieherin angewiesen, um das gesellschaftliche System aufrechtzuerhalten. Es reicht nicht aus, nur gegen die Bilder in den Köpfen der Menschen zu kämpfen – solange Frauen in dieser Gesellschaft materiell unterdrückt werden, wird auch der Sexismus in den Köpfen nicht verschwinden. Es ist notwendig unsere Erfahrung als Frauen und Mädchen nicht isoliert voneinander und unabhängig von anderen Kämpfen anzusehen, sondern sie miteinander zu verbinden. Die Befreiung der Frau ist nur im Kampf gegen ausbeutende Strukturen und als Teil von sozialen und Arbeitskämpfen möglich!
Weil Sexismus und sexualisierte Gewalt gegen Frauen tagtäglich mitten in der Öffentlichkeit stattfinden! Weil der gesellschaftliche Rechtsruck härteste vermeintlich traditionelle Rollenbilder zurückbringt! Weil Frauen aufgrund eines potenziellen Mutterseins immer noch auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt werden! Deswegen tragen wir unsere Forderungen für eine wahre Gleichberechtigung der Geschlechter am 8. März zum internationalen Frauenkampftag und an allen anderen Tagen des Jahres lautstark auf die Straße, in unsere Unis, Schulen und Betriebe.
