„Alle drei Sekunden umdreh’n, nachts allein im Dunkeln“ heißt es bei Paula Hartmann und das kennt sicherlich jede von uns. Auch tagsüber sind wir ständig aufmerksam – immer bereit, dass uns jemand nachruft, uns anspricht oder unser Aussehen kommentiert. Wenn uns die Lust packt, abends unterwegs zu sein, passiert es schnell, dass „aus Versehen“ eine Hand auf unserem Po landet, wir angetanzt, begrapscht und belästigt werden. Wir müssen ein ständiges Auge auf unser Getränk werfen, um sicher zu sein, dass keine K.O.-Tropfen darin landen. Selbst im eigenen Zuhause kann von einem sicheren Ort nicht die Rede sein, denn dort erleben Frauen und Mädchen die meiste Gewalt. So sieht die Realität in Deutschland aus, aber das lassen wir uns nicht bieten!
Wie ist die Lage?
Vor kurzem wurde der Bericht des Bundeskriminalamts zur häuslichen Gewalt im Jahr 2023 veröffentlicht und die Daten sind schockierend.
Fast jeden Tag wird in Deutschland eine Frau Opfer eines Femizides. Das bedeutet, dass eine Frau aufgrund ihres Geschlechts ermordet wird. 2023 waren es 360. Bei weiteren 938 Frauen wurde es versucht. In den Medien wird diese geschlechtsspezifische Gewalt meistens nur als „Beziehungsdrama“ verharmlost. Auch die Zahl der Betroffenen häuslicher Gewalt stieg um 6,5 %. Alle 4 Minuten erfährt eine Frau Gewalt durch ihren (Ex-)Partner. Die Anzahl registrierter sexueller Übergriffe an Frauen und Mädchen stieg um 6,2 %. Und das sind nur die registrierten Taten, die Dunkelziffer ist weit höher.
In diesem Winter erschütterte die mehrfache und systematische Vergewaltigung von Gisèle Pelicot die Welt. Gisèle wurde über Jahre von ihrem Ehemann unter Drogen gesetzt und anderen Männern zur Vergewaltigung angeboten. Bei der Urteilsverkündung am 19. Dezember wurden alle 51 angeklagten Männer schuldig gesprochen. In derselben Woche veröffentlichte STRG_F eine Dokumentation über kürzlich aufgedeckte Chats, in denen Tausende von Männern sich darüber austauschen, wie sie ihre Partnerin, Schwester oder Mutter betäuben und vergewaltigen. Es werden Fotos und Videos von den Taten ausgetauscht, ekelhafte Fantasien geteilt und Tipps gegeben, wie man diese am besten umsetzen kann.
Es ist so entsetzlich, dass es kaum zu glauben ist. Wie kann so eine Scheiße sein?!
»Die Scham muss die Seite wechseln«
Gisèle Pelicot
Woher kommt das Problem?
Diese Gewalt ist kein Zufall. Diese Gewalt hat System!
Unter anderem die Kürzungen im Sozialbereich in den letzten Jahren haben die Situation der Frauen in Deutschland verschlechtert. Obwohl der deutsche Staat schon 2018 die Istanbul-Konvention unterschrieben und sich zum Schutz von Frauen und Mädchen verpflichtet hat, fehlen bis heute (6 Jahre später!) immer noch 13.000 Frauenhausplätze. Obendrein müssen diese Plätze von den Frauen selbst bezahlt werden und sind für viele alleine deshalb keine Möglichkeit. Insgesamt verdienen Frauen in Deutschland rund ein Fünftel weniger als Männer. Frauen leisten die meiste unbezahlte Haus- und Erziehungsarbeit, durchschnittlich jede Woche 9 Stunden mehr als Männer. 50 % der beschäftigten Frauen arbeiten Teilzeit und überdurchschnittlich oft in schlecht bezahlten Berufen. Selbst wenn wir denselben Job im selben Stundenumfang wie Männer haben, verdienen wir oft weniger. Das Ergebnis davon ist, dass jede dritte Frau finanziell von ihrem Mann abhängig ist.
Gerade deshalb ist es so wichtig, sich an Arbeitskämpfen zu beteiligen und Seite an Seite für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Denn unsere Bosse sind es, die unsere Löhne kürzen, uns immer länger arbeiten lassen wollen und uns Frauen häufig zuerst kündigen. Da ist es egal, ob Boss oder Girl-Boss.
Je schlechter der Lohn, je schlimmer die Arbeitsbedingungen und je höher der Druck auf den Schultern der Arbeiter, desto angespannter ist die Situation zu Hause. Wenn unsere Kolleginnen und Kollegen für gute Arbeitsbedingungen kämpfen, für gerechte Löhne streiken und sich gegen Arbeitsplatzabbau und Lohnkürzungen wehren, dann ist das auch ein Teil des Frauenkampfes!
Auch der Rechtsruck hat bei der Verschärfung der Gewalt die Finger im Spiel. Mit dem Erstarken rechter und konservativer Parteien erstarken auch wieder konservative Rollenbilder, die die Frau in die Rolle der Mutter zurück in den eigenen Haushalt drängen wollen. Auf Social-Media begegnen uns Influencer in fancy Ästhetik, die uns weismachen wollen, dass eine Frau doch am glücklichsten sei, wenn sie sich um ihre Kinder, ihren Mann und den Haushalt sorgt. Politiker wie Friedrich Merz sprechen sich offen gegen die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen aus und täglich gehen über eine Million Männer, ohne es verwerflich zu finden, zu Prostituierten und fördern damit die gewalttätigste Ausbeutung der Frau.
Währenddessen versucht uns die Politik eine Gleichberechtigung vorzugaukeln und schwärmt uns von ihrer „feministischen“ Außenpolitik vor. Aber wen wollt ihr verarschen? Für uns ist klar: Nur weil Frauen wie Baerbock Waffenlieferungen in Kriegsgebiete zustimmen und in der Diskussion um die Wehrpflicht für alle davon gesprochen wird, dass nun auch mehr Frauen eine Waffe in die Hand nehmen sollen, sind wir der Gleichberechtigung keinen Schritt näher gekommen.
Ganz im Gegenteil, erwiesenermaßen sind in Kriegen Frauen und Mädchen einer besonderen Gewalt und verstärkten sexuellen Gewalt ausgesetzt.
Und was sagt die Politik zu diesen Horror-Zahlen? Olaf Scholz sagt: „Wir als Bundesregierung stehen an der Seite aller Frauen, die von Gewalt bedroht oder betroffen sind. Deshalb wollen wir das Hilfesystem für Gewaltopfer verbessern. Es muss mehr Frauenhausplätze geben, verlässlich finanziert. Opfer von Gewalt brauchen einen Anspruch auf Schutz. Das regelt das Gewalthilfegesetz, das wir Mittwoch (27.11.24) im Kabinett beschließen.“ Das ist ein Witz, wenn man bedenkt, dass sich schon 2021 die Regierungsparteien dazu verpflichteten dieses Gesetz in ihrer Regierungszeit zu verabschieden. Ein Gesetz, das die Finanzierung von Frauenhäusern und Frauenberatungsstellen durch einen bundeseinheitlichen Rechtsrahmen absichern sollte. Knapp 3 Jahre später, nach dem Scheitern dieser Regierungskoalition und zufällig kurz vor den Neuwahlen, wird dieses Gesetz endlich beschlossen. Wir lassen uns nicht täuschen und wissen, dass es kein Zufall ist, dass dieses Gesetz, das jahrelang aufgeschoben wurde, nun plötzlich vor den Neuwahlen beschlossen wird.
Wir kämpfen, bis wir frei sind!
Genau deshalb waren wir am 25.11., dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, zu Tausenden auf den Straßen in Hamburg, Berlin, Bremen, Göttingen, Frankfurt, Marburg, Kiel, Münster und weiteren Städten. Wir haben dutzende Reden gehalten, 10.000 Flyer verteilt, Kundgebungen selbst organisiert und die Straßen mit unseren Rufen gefüllt! Wir haben in Berlin und Kiel Lesetreffen veranstaltet, um uns über dieses Thema auszutauschen. In Hamburg und Bremen wurden offene Treffen gestemmt, um neue Leute für unseren Kampf zu gewinnen. Wir haben an diesem Tag wie viele andere Frauen weltweit ein Zeichen gesetzt!
Aber jeder Tag ist ein Frauenkampftag. Nicht nur am 25.11. kämpfen wir für die Befreiung der Frau, für Sicherheit und Gleichberechtigung! Nein, denn die Kämpfe sind verbunden. Mit jedem Streik, den wir unterstützen, mit jedem StuPa-Sitz, den wir erkämpfen, mit jedem Mitglied, das wir gewinnen, mit jeder verkauften Lautschrift, mit jeder Veranstaltung, die wir organisieren, kommen wir diesem Ziel ein Stück näher.
Diese Gewalt ist zwar überall in der Gesellschaft aufzufinden, aber wir sind es auch! Wir sind in zahlreichen Städten, an den Unis, Schulen, Berufsschulen und im Stadtteil. Und wir kämpfen gemeinsam, Hand in Hand, Schulter an Schulter bis auch die letzte von uns frei ist.
