AMERIKA BRENNT

Die USA der 1950- bis 60er-Jahre sind sowohl von rassistischen Anschlägen als auch von Massenprotesten der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung geprägt. Die „weiße Vorherrschaft“ beginnt zu bröckeln. Mitten in dieser Zeit erscheint James Baldwins kluger Essay The Fire Next Time, in dem er den tief verwurzelten Rassismus der weißen Amerikaner klar analysiert und trotzdem mit Zuversicht auf breite Allianzen blickt – eine Perspektive, die auch in Zeiten von Black Lives Matter noch aktuell ist.

Baldwin skizziert, wie Rassismus seit seiner Kindheit für ihn allgegenwärtig war. Mit 10 Jahren hat er zum ersten Mal rassistische Polizeigewalt erfahren, später sieht er wie viele seiner Freunde die Schule abbrechen, keine Jobs finden und alkohol- und drogenabhängig auf den Straßen New Yorks landen. Ständige Schikane und Beleidigungen bilden ein rassistisches Grundrauschen, das keinen Aspekt des Lebens auslässt.

Als Reaktion auf die unterschiedlichen Facetten rassistischer Diskriminierung formiert sich in der Mitte der 1950er Jahre eine anti-rassistische Protestbewegung, zu der Baldwin sich auch zählt und deren Forderung nach rechtlicher Gleichstellung und einem Ende der Segregation er sich anschließt. Doch den stark religiös geprägten Teilen der Bewegung steht er kritisch gegenüber: Subjektiv und anekdotenhaft erzählt er von seinem fanatischen, predigenden Stiefvater, der ihn schlägt, weil er mit einem Juden – also keinem gläubigen Christen – befreundet ist und von Vertretern der muslimischen Nation of Islam, die ihm weismachen wollen, dass alle Weißen „Teufel“ seien. Dieser Fundamentalismus stößt ihn ab, was dann auch dazu führt, dass er sich von der Religion abwendet:

„Ohne Übertreibung lässt sich sagen, wer wirklich ein moralisches Wesen sein möchte, muss sich zunächst von allen Verboten, Verbrechen und Heucheleien der christlichen Kirche lossagen. Wenn Gott als Idee überhaupt einen Wert oder Zweck hat, kann es nur sein, uns größer, freier und liebevoller zu machen. Wenn Gott das nicht schafft, ist es an der Zeit, ihn loszuwerden.“

Hier wird deutlich, dass Baldwin sich nicht durch Versprechungen im Jenseits blenden lassen will, sondern für ein besseres Leben in der Gegenwart einstehen möchte. Allerdings argumentiert er vor allem auf einer moralischen Ebene, sodass sein politischer Standpunkt nicht wissenschaftlich fundiert, sondern poetisch und emotional begründet ist. Das führt dazu, dass er diese Forderung nur auf sich selbst anwendet, aber nicht die ganze Gesellschaft mit ihren Klassenunterschieden in den Blick nimmt.

In einem Brief an seinen Neffen, der dem Essay vorangestellt ist, versucht er seine Position auf den Punkt zu bringen:

„Du hast keine Veranlassung, so zu werden wie die Weißen, und es gibt nicht die geringste Grundlage für ihre unverfrorene Annahme, sie müssten Dich akzeptieren. Die schreckliche Wahrheit ist, mein Junge: Du musst sie akzeptieren, und zwar mit Liebe.“

Sein Neffe solle erkennen, dass viele Weiße in ihrer eigenen kolonialen Wahnvorstellung gefangen sind und sich deshalb als die „überlegene Rasse“ sehen würden. Aus dieser Illusion müssten sie befreit werden. Das ist insofern interessant, dass Baldwin hier gewissermaßen die Täter rassistischer Verbrechen zu den eigentlichen Opfern erklärt. So unproduktiv das im ersten Moment klingt, lässt sich daraus aber ein bedeutender Appell an alle Anti-Rassisten schließen: Sie sollen nicht gegen die Weißen kämpfen, weil sie weiß sind, sondern versuchen, sie in den antirassistischen Kampf mit einzubeziehen.

Ende der 1950er Jahre gibt es erste Erfolge der Bürgerrechtsbewegung. Zum Beispiel entscheidet der Supreme Court, dass die „Rassentrennung“ an Schulen verfassungswidrig ist. Baldwin blickt jedoch mit Skepsis auf die liberalen, weißen Amerikaner, die plötzlich dieses Urteil feiern, mehr „Toleranz“ gegenüber den schwarzen Amerikanern fordern und ihre „Integration“ vorantreiben wollen. Im Essay stellt er die entscheidende Frage:

„Will ich wirklich integriert werden in ein brennendes Haus?“

Warum sollte sich die schwarze Bevölkerung damit zufrieden geben, gleich stark von Arbeitslosigkeit, Armut und staatlichen Repressionen betroffen zu sein, wie die weiße? Das eigentliche Ziel wäre doch, das ganze brennende Haus – die USA – endgültig zu löschen und von Grund auf neu zu bauen.

Deshalb lässt sich aus „The Fire Next Time“ vor allem schließen, dass wir selbst für Veränderung sorgen müssen, wenn Regierungen strukturellen Rassismus ignorieren oder reine Symbolpolitik betreiben wollen. Und dieses „wir“ hat nicht direkt mit Identität zu tun. Dieses „wir“ bedeutet in Baldwins Worten:

„die einigermaßen bewussten Weißen und die einigermaßen bewussten Schwarzen, sie sind vielleicht imstande, diesen rassistischen Alptraum zu beenden, ihr Land zu gestalten und den Lauf der Weltgeschichte zu ändern“.

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