No Other Land: Ein Film, der Unrecht und Solidarität dokumentiert

Im von Israel besetzten Westjordanland wird die palästinensische Bevölkerung seit Jahrzehnten systematisch vertrieben. Der palästinensische Journalist Basel Adra und sein israelischer Kollege Yuval Abraham zeigen in ihrem Dokumentarfilm „No other land“ die dortige Situation und den Widerstand. Der Film begleitet ihre Gespräche und den Alltag der betroffenen Menschen.

In einer Szene des Films läuft ein kleines Mädchen spielend durch einen Raum, während im Hintergrund der Fernseher läuft. Ihre Familie wohnt in der Region Masafer Yatta im Westjordanland, Palästina. Das Haus, in dem sie vorher wohnten, liegt in Schutt und Asche, zerstört von der israelischen Armee. Nun wohnen die Mutter, der erwachsene Sohn und seine kleine Schwester, in einer Höhle, eingerichtet fast wie eine normale Wohnung. Die drei kämpfen an der Seite anderer Palästinenser um die Erhaltung ihres Zuhauses, der Dörfer in Masafer Yatta. Die Region ist seit 1967 unter israelischer Besatzung und wird unter Vorwand der Errichtung einer Militärübungszone gewaltsam zwangsgeräumt. Diese Gegend ist seit Jahren im Widerstand. Reißt die Armee Häuser ab, bauen die Menschen sie Stein für Stein wieder auf. Verbietet Israel ihnen, eine Schule zu bauen, treffen sie sich nachts und bauen sie heimlich. Reißt die israelische Armee sie ab, bauen sie sie wieder auf.

In anderen Szenen sieht man immer wieder, wie die israelische Armee anrückt. Mit den dort lebenden Menschen reden die Soldaten nicht. Sie informieren nicht, sie verhandeln nicht und sie beantworten keine verzweifelten Fragerufe. Stattdessen drohen sie im Namen des Staates, sie reißen die Häuser ab und nehmen den Besitz der dort lebenden Menschen mit. Einmal, als die Soldaten einen Stromgenerator aus einem Dorf mitnehmen wollten, kam es zu einer Auseinandersetzung. Harun Abu Aram hielt an dem Generator fest und wurde angeschossen. Seither ist er querschnittsgelähmt und seine Mutter pflegt ihn, notgedrungen und unter lebensunwürdigen Bedingungen. In der Höhle liegt er auf einer Matratze auf dem Boden, eingewickelt in Decken. Seine Mutter sagt, er solle lieber sterben als weiterhin so leiden zu müssen. Staatliche und medizinische Hilfe bekommt die Familie keine.

Der Co-Regisseur Basel Adra ist ebenfalls in Masafer Yatta groß geworden und erlebte, wie sein Vater und andere palästinensische Aktivisten, eine Zeit im israelischen Gefängnis war. Schon seit seiner Kindheit kämpft seine Familie an der Seite anderer Anwohner gegen die Besatzung. Nachdem Basel anfängt, die Gewalt der militärisch durchgeführten Zwangsräumungen der Region zu filmen, rückt auch er in den direkten Fokus der Repressionen des israelischen Staates. In einer Nacht kommt das Militär, um Basel mitzunehmen. Da sie ihn nicht auffinden können, nehmen sie seinen Vater mit.

Der Dokumentarfilm bildet ab, wie die Bewohner Masafer Yattas gemeinsam kämpfen. Wenn das Militär oder die Siedler kommen, versammeln sie sich dort, wo die Armee Häuser abreißt. Auf Demonstrationen laufen Kinder an der Seite der Alten – stets in Begleitung der Armee… Doch sie wissen, dass sie am widerstandsfähigsten sind, wenn sie zusammenhalten.

Zwei Journalisten, ein Ziel

Yuval verbringt seine Tage oft bei Basel, erlebt dort die Armut, die Verzweiflung und den Widerstand der palästinensischen Menschen. Anders als Palästinenser, denen nur bestimmte Straßen zugänglich sind und die ihre Region nicht verlassen dürfen, darf Yuval sich frei bewegen. Oft führen die beiden Gespräche über das, was geschieht und das, was noch kommen wird. Dabei kommt es auch zu Momenten, in denen die unterschiedlichen Erfahrungen der beiden Filmemacher deutlich werden und sie mit ihren ungleichen Bedingungen, die sich aus der Besatzung ergeben, konfrontiert sind.

Bei der diesjährigen Berlinale im Februar 2024, gewann „No Other Land“ den Publikumspreis. Yuval stellte in ihrer Rede heraus, wie diese Unterschiede aussehen: „Ich lebe unter einem zivilen Gesetz und Basel unter einem militärischen Gesetz. Wir wohnen 30 Minuten voneinander entfernt, aber ich habe ein Wahlrecht, Basel hat kein Wahlrecht. Ich kann mich in diesem Land frei bewegen, wo ich will, Basel ist wie Millionen von Palästinensern in der Westbank eingesperrt“. Trotz dieser unterschiedlichen Ausgangsbedingungen, stehen die Beiden von Anfang der Dreharbeiten bis heute gemeinsam für Gerechtigkeit und Frieden ein.

Antisemitismusvorwurf und Hetze

Nun ist der Dokumentarfilm in deutschen Kinos angelaufen. Immer wieder wird ihm zu Unrecht Antisemitismus vorgeworfen. In ihrer Rede bei der Berlinale forderten Basel und Yuval einen Waffenstillstand und den sofortigen Stopp der Waffenlieferungen an Israel. Im Anschluss reagierte der Berliner Bürgermeister Kai Wegner (CDU) auf ihre Worte und warf den beiden eine „untragbare Relativierung“ und „Antisemitismus“ vor. Der Kultursenator Joe Chialo (CDU) nannte es „antiisraelische Propaganda“. Die Kulturstaatssekretärin Claudia Roth (Die Grünen) hat im Nachhinein gesagt, sie habe nur für den israelischen Ko-Regisseur Yuval, aber nicht für den Palästinenser Basel applaudiert.

Immer wieder wird in den öffentlichen Medien versucht, den Film zu diffamieren. Erst vor wenigen Wochen hat das offizielle Berliner Stadtportal behauptet, dass der Film „antisemitische Tendenzen“ habe. Viele Überschriften zu Artikeln, die „No Other Land“ thematisieren, nennen den Film „einseitig“ und betonen, dass der Inhalt umstritten sei. Die Reaktionen auf den Film seitens deutscher Politiker und der Medien reiht sich ein in einen immer repressiver werdenden Diskurs, in dem die Solidarität mit Palästinensern und die Kritik am Vorgehen der israelischen Regierung unter Generalverdacht gestellt und mit verschiedenen Mitteln unterdrückt werden.

Das ist kein Zufall, denn die Vertreter der etablierten Parteien betreiben diese Hetze und nutzen den Antisemitismusvorwurf, um uns zu spalten und von den realen Missständen und den Profiteuren durch diese Konflikte und Kriege abzulenken. Nicht nur zeigt sich hier der rassistische Diskurs der Parteien, sondern auch die Folgen dieser Hetze gegenüber Menschen, die sich gegen die Ungerechtigkeiten positionieren: Yuval erlebte im Anschluss rechte Angriffe und Morddrohungen und berichtete: „Nach der Berlinale, nachdem der Bürgermeister und andere Politiker gegen mich und Basel hetzten, kam ein rechter Mob in das Haus meiner Familie, meine Mutter musste flüchten“.

„No Other Land“ ist ein Film des Widersetzens gegen das Unrecht, dem die Bewohner von Masafer Yatta, viele andere Palästinenser und Angehörige anderer unterdrückter Gruppen ausgesetzt sind. Der Dokumentarfilm ist auch ein Zeichen von Freundschaft und Solidarität, von Zusammenhalt und dem gemeinsamen Kampf von unten. Wir sehen, wie Stimmen gegen diese Ungerechtigkeiten immer lauter werden und auch, wie diese gleichzeitig im Diskurs und mit anderen Mitteln zunehmend unterdrückt werden.

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