Bildung im Kapitalismus

Bildung ist ein Prozess, der bestenfalls das ganze Leben lang und in verschiedensten Bereichen stattfindet. Sei es in Bildungsinstitutionen, auf der Arbeit oder in der Freizeit durch Selbstbildung und das Erlernen von Neuem. Im Idealfall könnte jeder seinen Interessen und Stärken nach Bildung betreiben, und zwar so, wie es ihm oder ihr gefällt. Doch im Kapitalismus laufen viele Dinge nicht so, wie sie am besten für uns wären, sondern werden durch tieferliegende, ökonomische Strukturen gelenkt. Sei es die Zerstörung der Umwelt für Profitinteressen der großen Unternehmen, die Obdachlosigkeit in Deutschlands Städten aufgrund eines marktgesteuerten Wohnungsangebots oder die Entlassung tausender Menschen in einer Wirtschaftskrise. Doch auch wenn wir diese großen Probleme kennen, ist es manchmal nicht offensichtlich, wie der Kapitalismus unser alltägliches Leben beeinflusst – zum Beispiel im Bereich der Bildung.


Lernen– Wie Lang?

Um zu verstehen, wie das deutsche Bildungssystem durch den Kapitalismus beeinflusst wird, können wir uns zunächst ganz offensichtliche Einflüsse des Marktes auf die Bildung ansehen.

Als ausschlaggebendstes Beispiel der letzten Jahre muss hier die Reform des Schulsystems zum G8-G9-System in den Jahren 2012 bis 2015 angesehen werden. Die Idee war es, das Abitur nach zwölf Jahren zu normalisieren und somit weniger Zeit und Geld auf die grundlegende Ausbildung zu verwenden. Maßgeblich beteiligt an dieser Planung war die Bertelsmann-Stiftung, eine Institution, die die Interessen der deutschen Arbeitgeber mit Studien untermauert und großen Einfluss in Medien und Politik hat. Indem die Dauer bis zum Abitur sich auf zwölf Jahre verkürzt, treten junge Menschen früher ins Berufsleben ein und zahlen auch früher und somit im Laufe ihres Lebens mehr Steuern. Gleichzeitig ist Bildung teuer und die kürzere Bildung spart Kosten, zum Beispiel Lehrergehälter. Dass das Abitur nach zwölf Jahren oft ein Stressfaktor ist, Leistungsdruck verstärkt und Schüler sehr hohen Anforderungen aussetzt, worunter am Ende das Verständnis des Stoffes und die Möglichkeit der Interessensausbildung sowie die Freizeit leidet, spielt hierbei keine Rolle. Die Verwertbarkeit der Arbeit ab immer früherem Alter steht im Vordergrund. Mittlerweile wurde das Abitur nach acht Jahren in vielen Bundesländern zurückgenommen – zu groß waren die Probleme und Lehrerverbände und Eltern äußerten vielerorts Kritik. Heute ist die Lage der verschiedenen Bundesländer in Bezug auf die Schuldauer unterschiedlich und unübersichtlich, doch eins ist klar ersichtlich: Die Kalkulierung auf Wirtschaftsinteressen ist in Konflikt mit den Interessen der Jugendlichen geraten. (ein Beispiel für einen ähnlichen Prozess im Bereich der Universitäten ist die Bologna-Reform, siehe S. 14)

»Wer welche Abschlüsse erreicht, hängt von verschiedenen Faktoren ab: der sozialen Lage, von der aus man startet, aber vor allem auch, welche Fähigkeiten „verwertbar“ sind und welche nicht.«

Lernen – Was Eigentlich?

Ein weiteres Beispiel für die Beeinflussung der schulischen Bildung durch wirtschaftliche Interessen ist die Abschaffung des Faches Sozialwissenschaften in Nordrhein-Westfalen durch die Regierung aus FDP und CDU. In den Sozialwissenschaften werden Politik, Gesellschaft und Wirtschaft fachübergreifend verbunden, was in vielen Fällen ermöglicht, soziale Strukturen und ihre Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und zu hinterfragen, wie sie mit Wirtschaft und Politik zusammenspielen. Das Fach, was die Sozialwissenschaften ersetzen soll, nennt sich Wirtschaft/Politik. Ganz eindeutig sollen hier maßgeblich die Wirtschaft betrachtet und ökonomische Gesetzmäßigkeiten als zentraler Faktor anerkannt werden. Begründet wird dies mit fehlender ökonomischer Bildung der Schüler. Dass auch die politische Bildung, die vor allem für das Formulieren von Kritik an bestehenden sozialen Strukturen sowie die politische Teilhabe wichtig ist, ein elementarer Bestandteil von schulischer Bildung sein muss, fällt somit unter den Tisch. Aus Sicht von CDU und FDP kann dieses Wissen unerheblich sein, solange die herrschenden Wirtschaftsstrukturen allen Schülern eingetrichtert werden – von einer umfassenden, gesellschaftlich wertvollen Bildung sind wir damit jedoch einen Schritt weiter entfernt.

Lernen – Aber wie?

Doch auch wo die Wirtschaft keinen direkten Einfluss auf die Bildungsinhalte ausübt, spielt sie doch eine große Rolle dabei, wie Inhalte überhaupt aufgenommen werden. Es ist kein Geheimnis, dass die soziale Lage einer Familie großen Einfluss auf die schulischen Leistungen der Kinder hat. Wer kein eigenes Zimmer zum Lernen hat, keine gute technische Ausstattung, kein Geld für Nachhilfe und keine Eltern mit massig Zeit, um neben der Arbeit auch noch bei den Hausaufgaben zu helfen, der hat schlechtere Chancen in der Schule. Die Tatsache, dass in unserer Gesellschaft viele Menschen unter Armut leiden und somit schlechtere Bedingungen in so gut wie jedem Lebensbereich haben, wirkt sich auch auf die Bildung aus. Somit beeinflusst der Kapitalismus unsere Bildung schon, bevor es überhaupt um die Inhalte geht (siehe hierzu S. 19).

Bildung und Verwertbarkeit

Doch was sagen uns all diese Beispiele über die Rolle der Schule im Kapitalismus allgemein? Im Kapitalismus sind die allermeisten Menschen lohnabhängig, was bedeutet, dass sie ihre Arbeitskraft verkaufen und dafür einen Lohn erhalten. Die Arbeit hängt davon ab, was produziert wird – sei es geistige oder körperliche, jede Arbeit braucht eine Qualifikation. In Deutschland ist die Arbeit in den meisten Fällen so anspruchsvoll, dass ein Mindestmaß an Ausbildung notwendig ist, und sei es nur das Lesen, Schreiben und Rechnen. Viele Beschäftigungen brauchen jedoch auch höhere Ausbildungen, der Arbeitsmarkt fordert aufgrund des technischen Fortschritts mehr Experten. Das bedeutet im Umkehrschluss auch, dass ein gewisser Teil der Menschen zumindest eine weiterführende Schule besuchen muss, um eine Qualifikation zu erhalten, die sie in die Lage versetzt, ihre Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt mit all seinen Anforderungen zu verkaufen. Das Schulsystem hat also vor allem die Aufgabe, Arbeitskräfte auszubilden und somit ungefähr die Bedürfnisse des Marktes zu befriedigen.

»Jeden Menschen so lange und so viel Lernen zu lassen, was ihn oder sie halt am meisten interessiert, ist teuer und aus ökonomischer Sicht in den meisten Fällen ineffizient.«

Doch die Bedürfnisse des Marktes führen nicht unbedingt dazu, dass alle Menschen sich so bilden können, wie ihnen lieb ist. Denn obwohl die Arbeit in Deutschland häufig einen gewissen Ausbildungsgrad braucht, ist auch die Selektion

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