Schule fickt Kopf

Genau das wurde am 17. Oktober im „heute journal“ besprochen, zusammen mit dem Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz Quentin Gärtner. Auf die Frage, warum die schulischen Leistungen über alle Schulformen hinweg gesunken sind, antwortet Quentin: „Um ehrlich zu sein, dafür brauche ich keine Studien, um das zu wissen.“ 

Wir auch nicht. Marode Klassenzimmer, 30 Schüler auf viel zu engem Raum, eine überforderte Lehrkraft vorne am Pult und immer noch das Mathebuch aus 2002 vor sich liegen haben, weil für iPads das Budget nicht reicht. Lernen in der Schule so gut wie unmöglich. Trotzdem stehen wir alle unter extremen Leistungsdruck, müssen viel zu viel Stoff auf viel zu wenig Zeit verteilt pachten. Da ist es keine Überraschung, dass nicht nur unsere Leistungen, sondern auch unsere mentale Gesundheit sinkt.

Zuhause herrscht dicke Luft und ich hab drei Klausuren die Woche…

Dass man da mal jemanden zum Reden braucht, ist klar. Klar ist das jedoch nicht den verschiedenen Landtagen, in denen in der Jugendhilfe gekürzt wird. Wir sprechen hier von Kürzungen von bis zu einem Drittel. Der Stellenabbau in der Schulsozialarbeit und die fehlende Wertschätzung solcher Arbeit betrifft sowohl Schüler wie Sozialarbeiter. Wenn man nach einer schlechten Klausur nicht weiß, wohin mit sich, wäre ein Gespräch mit einem Sozialarbeiter erstmal hilfreich. Wenn jedoch eine einzige Fachkraft für eine gesamte Schule zuständig ist und zudem 43 Prozent der Fachkräfte überlegt haben, das Arbeitsfeld auch aufgrund mangelnder Wertschätzung zu verlassen, leidet darunter unsere mentale Gesundheit. Der Stellenabbau ist nicht nur krank, sondern macht uns aktiv krank. Zum einen möglicherweise Stress zu Hause und in der Schule, zum anderen scheint auch am Lehrerpult nicht alles zu laufen, um eine angenehme und fördernde Lernatmosphäre zu schaffen.

Lehrkräfte sind überfordert und überlastet, und so auch immer unfähiger guten Unterricht zu leisten. Immer mehr Quereinsteiger ohne Lehramtsstudium werden in die Schulen gesetzt, denen fehlt es dann oft an unterrichtender und pädagogischer Kompetenz. Und das vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern, in denen tendenziell eh mehr Probleme auftreten, wie z.B. im Fach Mathe, wo sich in denselben Kursen und Klassenstufen meilenweite Unterschiede im Lernfortschritt bemerkbar machen.

Dafür hat auch die Pandemie gesorgt. Zu der Zeit hat sich herausgestellt, wessen Eltern wie viel Kapazität haben zu unterstützen und wo der Fernunterricht das kleinste Problem im Haushalt dargestellt hat. Bildungsgerechtigkeit, wo? Gleicher Zugriff auf Bildung, wo?  Diese Lücken aufzuarbeiten wäre möglich, würde nicht so massiv an unseren Schulen gekürzt werden. Auch den psychischen Problemen, die sich durch die Isolation und Verlust von Alltag unter Jugendlichen extrem gesteigert haben, wird nichts entgegengesetzt. Psychologische Betreuung ist an Schulen praktisch nicht vorhanden. 

Was macht das mit uns Schülern?

Es kommt dementsprechend nicht überraschend, dass ein Viertel der Jugendlichen die eigene Lebensqualität als gering einschätzt und ungefähr ein Fünftel der Schüler:innen sich selbst als psychisch belastet bezeichnet. Dafür sorgt nicht nur die fehlende Qualität des Unterrichts, sondern auch, wie er konzipiert ist. 

Schüler müssen von klein auf miteinander konkurrieren. Wir lernen nicht als Gemeinschaft zu funktionieren oder unsere individuellen Stärken zu finden, wir lernen uns als Einzelne zu beweisen, Lernen durch Konkurrenz zu isolieren und dass wir uns durch unsere Leistung zu definieren haben. Im Bildungsplan stehen nicht unsere Interessen und Fähigkeiten im Mittelpunkt – sondern unsere potenzielle Arbeitskraft! 

26 Prozent der Schüler geben an, unter Leistungsdruck zu stehen, viele berichten von einem Unwohlsein, besonders unter Schülern aus armen Haushalten. Dafür fehlt es an Hilfsangeboten. So haben bis zu einem Drittel der Eltern angegeben, die Hilfsangebote an der Schule ihrer Kinder nicht zu kennen. Ein Viertel der Eltern, die sich an die Schule gewandt haben, hat dort aber keine Hilfe bekommen.

Für wen das Ganze?

Das Problem ist also im Kern klar: Unterfinanzierung. Es braucht mehr Personal für bessere Betreuung und kleinere Klasse, bessere Infrastruktur und Ausstattung, damit wir uns nicht mehr vor Schimmelflecken erschrecken müssen und mit der Digitalisierung mitgenommen werden. 

Und die Bundesregierung? Kürzt Sozialausgaben aufs Wesentliche, verschlechterten in einigen Bundesländern die Bedingungen durch mehr Unterrichtsstunden, größere Klassen oder den Abbau von Entlastungen und schieben die Schuld auf Migranten. Und dass, obwohl die Studie auch ergeben hat, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen den Leistungssenkungen und der Herkunft der Schüler gibt. 

Stattdessen fließt das Geld in die Bundeswehr und in die Aufrüstung, Merz beliefert Israel weiter mit Waffen und redet dann von Demokratie verteidigen. 

Das macht auch uns Schülern Angst, denn vor kurzem wurde das neue Wehrdienstgesetz beschlossen, das Zwangsmusterungen ab 2026 für Jungs ab Jahrgang 2008 vorschreibt. Da dies aber höchstwahrscheinlich nicht reicht, um die Rekrutierungsziele der Bundeswehr zu verwirklichen, ist eine Wehrpflicht nicht weit. 

Wir merken also, die Jugend ist völlig alleingelassen. Ein marodes Bildungssystem, veraltete Lehrpläne, fehlende Hilfsangebote und vor allem Zukunftsängste. Denn es gibt kaum noch Angebote, für nach der Schule, mit denen man über die Runden kommt. Und um unseren Kopf noch mal so richtig zu ficken, will die Politik uns jetzt noch an die Front zwingen.

Wir dürfen uns zu Zeiten wie diesen nicht spalten lassen und fragen die Politik: Wie sollen wir denn gesund sein in einem kranken System?

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