Ist Story liken fremdgehen?

Wenn dein Partner eine Insta-Story von jemand anderem liked, dann geht er dir fremd. Das behaupten zumindest einige auf Social Media. Schon seit längerem geht der TikTok-Trend „Ist es Fremdgehen, wenn…?“ viral. Dabei stellen Menschen hypothetische Szenarien zur Diskussion, wie zum Beispiel „Ist es Fremdgehen, wenn mir jemand seine Jacke gibt, weil mir kalt ist?“ oder „Ist es Fremdgehen, wenn ich jemandem die Tür aufhalte und die Person anlächle?“ Die Antworten darauf polarisieren und auch in der Kommentarspalte wird heftig diskutiert. Bei meinen Deepdive in den TikTok-Trend haben mich vor allem die Antworten zur Frage „Ist es Fremdgehen, wenn ich die Story von jemand anderem like?“ beschäftigt. Denn kann ein virtueller Like gleich Fremdgehen sein? Interessanterweise beantworten sehr viele diese Frage mit einem eindeutigen „Ja“ und zeigen sich eher verwundert bei anderer Meinung. Aber geht es hier einfach nur um ein gewisses Maß an Eifersucht oder steckt da mehr dahinter?

Eifersucht = Kontrolle?

Eifersucht gehört für die meisten zu einer Beziehung dazu. Sie ist ein Ausdruck dessen, dass man der anderen Person wichtig ist und man Angst hat einander zu verlieren. Jedoch kann sich Eifersucht schnell in Besitzdenken verwandeln: Aus der Frage „Warum likest du diese Story“ entwickelt sich schnell „Du darfst niemandem Aufmerksamkeit schenken, außer mir!“. Aus einer Emotion wird ein Machtinstrument. Der andere wird nicht mehr als freier Mensch gesehen, sondern als etwas, das man kontrollieren muss, um sich selbst sicher zu fühlen. Genau das zeigt sich in den ganzen Tiktoks: Partner, die ein Übermaß an Eifersucht zeigen und damit vor allem den Zuschauern beweisen wollen, dass sie ihre Beziehung bzw. ihre Partner(in) im Griff oder eben unter Kontrolle haben. Wo beginnt diese emotionale Kontrolle? Ist sie körperlich, physisch oder digital? Die Antwort kann durchaus individuell sein und gleichzeitig spiegelt sie unsere gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse wider.

Grenze zwischen Liebe und Besitz

In vielen Fällen richtet sich diese Kontrolle gegen Frauen, nicht nur, weil die Frau als schwächer angesehen wird, sondern auch, weil das Bild der „gehorchenden“ Frau und dem dominierenden Mann durch Social Media noch verstärkter vorgeführt wird. Noch abartiger wird es, wenn diese Kontrolle romantisiert wird. Es wird den Anschein erweckt, dass der Mann die Frau „beschützt“, sobald er ihre Grenzen zieht und wird als idealer starker Mann in einer Beziehung präsentiert. Sprüche, wie „Ich will dich doch nur beschützen, weil du MEINE Freundin bist.“ scheinen für viele meiner Generation als sehr harmlos und ein Liebesbeweis, jedoch kann es sich hierbei um psychische Manipulation handeln und kann in vielen Fällen in Gewalt münden.

Statistiken zeigen: Jede dritte Frau weltweit ist von häuslicher Gewalt betroffen. Viele Frauen berichten, dass psychische Kontrolle der körperlichen Gewalt vorausgeht. Sie erleben emotionale Manipulation, Isolation und Abhängigkeit, was es ihnen zusätzlich erschwert, sich aus solchen Beziehungen zu befreien.

Was ist wirklich ein Vertrauensbruch?

Solange wir darüber diskutieren, ob das Liken einer Story, das Türaufhalten oder Anlächeln schon ein Vertrauensbruch sind, übersehen wir das eigentliche Problem. Nicht das Liken ist das Problem, sondern der Umgang damit. Wird daraus ein Vorwurf? Ein Streit? Oder gar eine Kontrolle darüber, was der Partner (online) tun darf und was nicht? Vertrauen zeigt sich nicht darin, wie sehr wir unsere Partner überwachen und Beiträge liken oder nicht, sondern wie frei und selbstbestimmt man sich in der Beziehung fühlt, online wie offline.

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