Klimakrise, Krieg, Inflation – so wie es ist, kann es nicht bleiben. Das ist den meisten Jugendlichen klar. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, wählen überdurchschnittlich viele junge Menschen rechts – bei den Bundestagswahlten wählten 21 Prozent der 18-24 Jährigen die AfD. Doch nicht nur bei Wahlen zeigt sich diese Entwicklung. Immer mehr junge Menschen begeistern sich für rechten Aktionismus: Im vergangenen Sommer gab es wiederholt rechtsradikale Aufmärsche gegen den Christopher Street Day, an denen auffallend viele Jugendliche teilnahmen. Auch auf Social Media gewinnen TikToks und Reels, die rechte Jugendkultur propagieren, zunehmend an Beliebtheit. Zwar scheinen die „Baseballschläger-Jahre” Anfang der 90er Jahre vorbei zu sein, als die neonazistische Subkultur mit ihrer Kleidung, ihrer Musik und ihrem martialischen Auftreten nicht nur, aber vor allem in Ostdeutschland viele Jugendliche anzog. Doch auch heute, in Zeiten des allgemeinen Rechtsrucks, erleben wir den Versuch, eine neue rechte Jugendkultur zu etablieren.
Vom Lagerfeuer zu TikTok
Rechte Gruppierungen versuchen seit jeher, Jugendkulturen zu beeinflussen, um Jugendliche für ihre faschistischen Ideen zu gewinnen. Bereits in den 1920er-Jahren versuchte man, Einfluss auf die damals große Pfadfinder- und Wanderbewegung zu nehmen, um dort rechte Strukturen aufzubauen. In den 70er- und 80er-Jahren gewann man in Fußballstadien Einfluss und schaffte es, Teile der dort ansässigen Subkulturen für sich zu vereinnahmen. So entstand die stereotype Verbindung von der Skinhead- oder Hooliganszene mit Rechtsradikalismus – obwohl diese ursprünglich nichts gemein hatten. Auch der bis heute gängige Dresscode vieler Neonazis – Bomberjacke oder Harrington-Jacke, T-Shirts von Marken wie Lonsdale oder Dickies, Springerstiefel und Glatze – stammt aus der ursprünglich antirassistischen Skinhead-Szene, die eng mit der Arbeiterklasse verbunden war. In den Nullerjahren versuchte man zunehmend, durch bestimmte Musikrichtungen Anschluss an die Jugend zu bekommen und es wurden CDs mit „Rechtsrock“ an deutschen Schulhöfen verteilt. Auch gab es mit rechten Rappern wie Makks Damage oder Chris Ares krampfhaft den Versuch, den rechten Fuß in die Deutschraptür zu setzen, was jedoch weniger mit Erfolg behaftet war.
Heute setzen rechte Parteien und Organisationen vor allem auf Social Media um Jugendliche zu erreichen, denn die gängigen Plattformen wie TikTok oder Instagram sind ein großer Einflussfaktor. Rechtsradikale Influencer und Jugendorganisationen greifen Alltagsthemen auf, die viele Jugendliche beschäftigen, und verknüpfen sie mit rechter Propaganda. Videos von Reden bekannter Faschisten wie Björn Höcke gehen regelmäßig viral. Die Junge Alternative, die bis Februar 2025 die offizielle Jugendorganisation der AfD war, präsentiert sich auf TikTok mit aufwendig produzierten Videos von eigenen Aufmärschen. Auch Szenecodes und Emojis spielen eine Rolle, um ein Gefühl der Zugehörigkeit zu schaffen, da es von anderen Nutzern aufgegriffen werden kann. Diese TikToks, Reels und Shorts erzielen nicht selten Millionen Aufrufe und tausende Likes. Doch haben Rechte jetzt auf einmal eine Gefolgschaft von Hunderttausenden von Leuten oder wieso liken und verbreiten so viele deren Content? Nein – viele der Inhalte funktionieren, weil sie an kontroverse Debatten, anknüpfen. Besonders beliebte Themen sind Klimaschutz und Geschlechterrollen. Ein bekannter rechter Influencer postete beispielsweise: „Du kannst als junger Mensch stolz behaupten, dass du Deutscher bist, fährst Simson und denkst nicht, dass die Welt untergeht, weil es zwei Grad wärmer wird“. Auch Lifestyletipps sind populär. So gibt AfD-Spitzenkandidat Alexander Krah in seinen viralen TikToks jungen Männern Beziehungstipps: „Echte Männer sind rechts, echte Männer haben Ideale, echte Männer sind Patrioten – dann klappt es auch mit der Freundin“.
Studien zeigen, dass es insbesondere junge Männer sind, die sich zu rechten Parteien und Organisationen hingezogen fühlen. Doch warum ist das so? Ein zentraler Faktor ist die Unsicherheit in Bezug auf Männlichkeit und gesellschaftlich gemachte Rollenbilder. Rechte Gruppierungen nutzen diese Verunsicherung aus und bieten einfache Antworten: Sie propagieren traditionelle Geschlechterrollen, in denen Männer als „stark“ und „patriotisch“ dargestellt werden. Gleichzeitig hetzen sie gegen Frauen, die sich nicht länger traditionellen Normen hingeben wollen und inszenieren diese als Bedrohung.
Sind so viele Jugendliche rechts?
Rechte Kräfte haben also schon lange erkannt, dass politische Anliegen eng mit Jugendkulturen verbunden sein können und das ist sicherlich auch der einzige Grund, warum sie diese beeinflussen wollen. Denn eigentlich stehen Jugendkulturen, die sich von gesellschaftlichen Normen lösen wollen, im Widerspruch zu faschistischen Ideologien, die Tradition und Unterordnung propagieren. Hierbei muss deutlich gesagt werden: Faschisten, egal ob militant oder blaurot und in Anzug stehen für ein rückwärtsgewandtes Weltbild, für rassistische Spaltung, für die Unterdrückung eines freien Willens und gegen Frieden und Solidarität. Zwar versprechen rechte Kameradschaften und Jugendorganisationen ein Gefühl der Zugehörigkeit und Freundschaft, aber das hält auch nur so lange an, wie man in ihr Weltbild passt. Faschisten können auch niemals echte Lösungsansätze für bestehende Probleme bieten, weil sie gar nicht das Interesse haben, die bestehenden ökonomischen Verhältnisse zu hinterfragen. Und das müssen wir uns immer wieder vor Augen führen. Laut der letzten großen Jugendstudie von 2024 bezeichnen sich nur vier Prozent der Jugendlichen als politisch rechts, auch wenn weitaus mehr Prozent die AfD wählen. Jugendliche wählen also nicht die AfD, weil sie stramme Nazis sind, sondern eher, weil die Perspektivlosigkeit und Unzufriedenheit mit der herrschenden Politik so groß ist. Wenn wir auf Jugendliche treffen, die Sympathien für entsprechende Parteien und Organisationen haben, sollten wir nicht zögern, das Gespräch zu suchen und denen, die nach echten Lösungen suchen, klarzumachen, warum wir eine solidarische und internationalistische Jugendbewegung brauchen, die Migration nicht zum Problem hochstilisiert. Es liegt an uns aufzuzeigen, dass uns rechte Gruppierungen dabei nur im Weg stehen werden.
Auch wenn sich rechte Gruppierungen teilweise mit Begriffen wie„revolutionär“ oder gar „sozialistisch“ schmücken, sind sie in Wahrheit nichts davon. Auch wenn sich Rechte durch Kleidung, Sport und Sprache gerne so geben, als seien sie anti-establishment, beweisen sie durch ihre Programmatik das exakte Gegenteil. Eine echte Gegenkultur kann nur von unten kommen und das bedeutet, dass man die Klassengegensätze nicht durch das Heraufbeschwören eines angeblichen deutschen Volkes verklärt, so wie das Faschisten schon immer machen. Eine echte Gegenkultur darf niemanden aufgrund seiner Herkunft, seines Geschlechts oder seiner Sexualität ausgrenzen, sondern muss alle mit einschließen, die für ein gutes Leben kämpfen wollen. Sie muss frei zugänglich sein und die Menschen dazu ermutigen, für eine bessere Welt zu kämpfen.
Die Zukunft liegt in unserer Hand und nicht in den Händen der Rechten! Lassen wir also nicht zu, dass sie von reaktionären Kräften bestimmt wird!
