Über die Notwendigkeit einer migrantischen Frauenorganisation
Der Bundesverband der Migrantinnen in Deutschland e.V. ist ein unabhängiger, überparteilicher und demokratischer Zusammenschluss der in Deutschland lebenden türkeistämmigen Migrantinnen und wurde 2005 in Köln gegründet. Bundesweit gibt es 10 Vereine sowie 10 weitere Ortsgruppen. Der Verband arbeitet mit Kooperationspartnern in Gewerkschaften, Politik und Kultur zusammen und ist Mitglied im Deutschen Frauenrat sowie bei DaMigra. Seit seiner Gründung setzt der Verband sich für ein friedliches und solidarisches Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft, für eine gleichberechtigte und eigenständige Teilhabe der Migrantinnen und eine Gesellschaft ohne Diskriminierung und Ausgrenzung ein. Wir haben mit Ceyda Tutan, Vorsitzende des Verbandes, über die Arbeit und die besonderen Probleme migrantischer Frauen in Deutschland gesprochen.

»Wir wollen uns gemeinsam mit allen in Deutschland lebenden Frauen für ein gleichberechtigtes Leben einsetzen.«
Warum hat sich der Bundesverband der Migrantinnen in Deutschland gegründet? Wie sieht eure Arbeit aus?
Gegründet wurde der Verband aus dem Bedarf heraus, Frauen mit Migrationshintergrund eine Plattform zu bieten, um ihre Themen und Anliegen zu diskutieren, in einem geschützten Raum spezifische Probleme der Migrantinnen zu kommunizieren und selbst aktiv zu werden. Mit niederschwelligen Angeboten und auch frauenpolitischen Themen wollen wir ein breites Spektrum an Frauen erreichen, um ihnen Raum und Kontakte zu ermöglichen.
In den Stadtteilen vor Ort, überall wo Frauen und Migrantinnen leben, arbeiten und ihre Freizeit verbringen, knüpfen wir Kontakt mit den Frauen, um eine erfolgreiche Arbeit umsetzen zu können.
Die Inhalte und die Gestaltung der Aktivitäten richten sich vorrangig nach den Interessen und Bedürfnissen der Frauen vor Ort: Dies kann in Form eines Frauencafés sein, das zum gemeinsamen Gespräch einlädt, ein Themen- und Diskussionsabend, Bildungsreisen und Ausflüge in kulturelle Einrichtungen und Veranstaltungen zu aktuellen und (frauen-)politischen Themen.
Je nach Vereinsprogramm besteht die Möglichkeit der Teilnahme an regelmäßigen Angeboten wie in der Chor AG, Tanz AG oder auch Theater AG.
Warum braucht es auch Organisationen explizit für migrantische Frauen? Was sind die besonderen Probleme, die ihr so aufgreift?
Insbesondere Migrantinnen arbeiten häufiger im Niedriglohnsektor, in prekärer Beschäftigung oder in Teilzeit. Sie arbeiten unter anderem in den sogenannten systemrelevanten Berufen und ungesicherten Beschäftigungsverhältnissen wie Minijobs. Die Arbeitsbedingungen sind schlecht, es fehlt an gut bezahlter, geregelter Arbeit und sozialversicherten Jobs. Vielen Frauen droht die Altersarmut durch Arbeit in Teilzeit oder schlecht bezahlten Jobs. Zudem ist die Anerkennung beruflicher Abschlüsse eine bürokratische Herausforderung und es fehlt der leichte Zugang zu Weiterbildungen von Migrantinnen.
Nicht zuletzt verdeutlicht die Corona-Pandemie ein großes und in allen Gesellschaftsschichten verbreitetes Problem. Mit der Corona-Pandemie hat die häusliche Gewalt weltweit zugenommen. Studien belegen die Zunahme von körperlicher und sexueller Gewalt während des Lockdowns. Auch in Deutschland sind die Hilfestrukturen für gewaltbetroffene Frauen lückenhaft und unterfinanziert. Der Schutz aller Frauen vor Gewalt ist ein bedeutender Grundsatz der Istanbul-Konvention. Mit dem Vorbehalt gegen Artikel 59 ist es gewaltbetroffenen Migrantinnen allerdings nicht möglich, einen eigenständigen Aufenthaltstitel unabhängig vom Ehemann zu erhalten. Dadurch, dass sie die Ehebestandszeit von drei Jahren erfüllen müssen, um einen eigenen Aufenthaltstitel zu erhalten, sind diese bereits von Gewalt betroffenen Frauen weiterhin einem hohen Gewaltrisiko ausgesetzt.
Eine gerechte Gesellschaft bedeutet politisch teilhaben zu können. Dieses Recht muss für alle Menschen gelten, die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland, aber keine deutsche Staatsangehörigkeit haben. 2021 ist das Superwahljahr. Auch in diesem Superwahljahr sind Frauen mit Migrationshintergrund von diesen Wahlen ausgeschlossen. Immer noch spielt für die Einbürgerung das Einkommen der Menschen eine Rolle. Frauen mit Migrationshintergrund, die vor allem im Niedriglohnsektor beschäftigt sind, werden von diesem Recht ausgeschlossen. Insbesondere im Hinblick auf die Zunahme des Rechtsextremismus und der rassistischen Übergriffe und einer Regierungspartei wie der AfD mit ihren rückständigen, frauenfeindlichen und sexistischen Positionen muss das Recht der politischen Teilhabe für Frauen mit Migrationshintergrund auch ohne deutsche Staatsbürgerschaft möglich sein.
Wir wollen uns gemeinsam mit allen in Deutschland lebenden Frauen für ein gleichberechtigtes Leben einsetzen. Für eine Verbesserung unserer Lebenssituationen und die Förderung des Zusammenlebens müssen wir uns gemeinsam einsetzten. Deshalb ist es eine unsere Hauptaufgaben als Migrantinnen, die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland gefunden haben, deutsche Frauen und Migrantinnen anderer Nationalitäten auf Grundlage von gemeinsamen Forderungen zusammenzuführen.
Wo werden für euch zur Zeit die wichtigsten Kämpfe geführt? Was hat grad Relevanz in eurer Arbeit?
Wenn wir von den wichtigsten Kämpfen sprechen, dann zeigt uns die Corona-Pandemie wie ein Brennglas deutlich die Ungleichheiten auf, auf die wir schon seit unserer Gründung hinweisen und gegen die wir kämpfen. Die Corona-Krise hat weitreichende soziale und wirtschaftliche Folgen und auch Folgen für die Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frauen. Von der Corona-Pandemie sind Frauen ganz besonders betroffen. Kurz gesagt: Die Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen werden noch deutlicher sichtbar. Frauen werden in traditionelle Rollen zurückgedrängt, die häusliche Gewalt nimmt zu und sie stehen unter enormer beruflicher Belastung. Frauen haben schon vor der Pandemie weniger verdient als Männer und durch die Schließung von Kitas und Schulen waren meist sie diejenigen, die ihre Arbeitszeit reduzieren mussten und sich um Haushalt, Homeschooling und die Versorgung der Familie kümmerten. Geringverdienerinnen, insbesondere Frauen mit Migrationshintergrund, die in den sogenannten Minijobs arbeiten, haben schnell ihren Job verloren und stehen nun ohne ein Einkommen und Absicherung da, was sie auch wiederum in eine wirtschaftliche Abhängigkeit in der Partnerschaft drängt.
Des Weiteren sind die schlechten Arbeitsbedingungen in den systemrelevanten Berufsgruppen insbesondere in der Pandemie-Zeit deutlich hervorgetreten. Neben dem fehlenden Personal in der Pflege und der schlechten Bezahlung haben wir ein Gesundheitssystem, das auf wirtschaftlichen Profit ausgelegt ist und nicht für alle den gleichen Zugang zur Gesundheitsversorgung ermöglicht.
Der Verlust von Arbeitsplätzen und drohende Kündigungen, oder der geplante Stellenabbau bei H&M z. B., welcher insbesondere junge Mütter treffen soll, zeigt das gerade Frauen diskriminiert werden und sie die Krise besonders hart trifft.
Nicht zuletzt sind die zunehmende Gewalt an Frauen und Femizide weltweit ein Thema, welches uns dauerhaft unter den Nägeln brennt und immer auf der Tagesordnung steht. Auch wenn Deutschland die Istanbul-Konvention unterzeichnet hat, so ist die Umsetzung immer noch lückenhaft und lange nicht ausreichend, um Frauen und Mädchen vor Gewalt zu schützen.
Was bereitet ihr für den 8. März vor? Was bedeutet dieser Tag für euch?
Weltweit streiten und kämpfen Frauen seit über 100 Jahren für ihre Rechte, gegen Unterdrückung, Rassismus, Diskriminierung und Ausbeutung. Am 8. März, dem internationalen Weltfrauentag, gehen jedes Jahr Millionen Frauen auf die Straßen, um sich für Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, politische Teilhabe, Solidarität und Zusammenhalt einzusetzen. Natürlich ist der 8. März auch für uns als Bundesverband der Migrantinnen ein besonders wichtiger Tag, an dem wir unsere Forderungen auf den Straßen, bei Kundgebungen und Demonstrationen sichtbar machen und kundtun können. Deshalb werden wir auch dieses Jahr, wo es möglich ist, an Kundgebungen teilnehmen, unter anderem gemeinsam in Bündnissen, wie z. B. dem Frauenstreikbündnis.
Normalerweise bereiten sich unsere Vereine mit verschiedenen Veranstaltungen auf diesen Tag vor. In den letzten Jahren war es immer so, dass wir erst auf den Straßen waren und danach verschiedene Veranstaltungen organisiert haben, bei denen unterschiedliche Gäste eingeladen wurden, z. B. aus anderen Frauenorganisationen, Gewerkschaften, Gleichstellungsbeauftragten usw. Aktuelle Themen wurden diskutiert und auch gemeinsam gefeiert, dieser Teil fällt dieses Jahr leider weg. Dennoch haben sich die Frauen aus dem Verband überlegt, online kulturelle Angebote zu schaffen und in den sozialen Netzwerken präsent zu sein. Denn natürlich wollen wir trotz und gerade wegen der Pandemie unsere Forderungen sichtbar machen. Der Bundesverband der Migrantinnen wird auch ein Video veröffentlichen mit Beiträgen von Frauen anderer Frauenorganisationen und -bündnissen und kulturellen Beiträgen unserer bundesweiten Vereine.
DAS INTERVIEW FÜHRTE JARA HAMDORF
