Das neue Call Of Duty ist draußen und der Gamerszene geht mal wieder ein Herz auf. Hochauflösende Grafik, realhistorischer Kontext (Kalter Krieg) und der neue PS5 Controller gibt ein Vibrationsfeedback bei jedem Kill. Bereits am Tag der Veröffentlichung stellte das Spiel einen neuen Rekord bei den digitalen Verkaufszahlen auf. Doch hinter Call Of Duty steckt neben Action und hochwertiger grafischer Umsetzung auch jedes Mal eine Story, die meistens an wahre Ereignisse angelehnt ist und die Kampagnen einbettet. Taucht man in die Welt der neuesten Version ein, erfährt man die Perspektive von patriotischen Soldat:innen, die bei der Bekämpfung des Kommunismus für ihr Vaterland sterben würden. Aufgrund der hohen Spielerzahlen lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die Hintergrundhandlungen des Spiels zu werfen – und welche Agenda hier verfolgt wird.
Call of Duty: Black Ops – Cold War
Das Spiel ist Teil der Black Ops-Reihe, was hier für „Verdeckte Aktionen“ (Black Operations) steht, die in Kriegen meist von Geheimdiensten oder Militär angewandt werden. Schon im Teaser des neuen Spiels wird klar, worum es dieses Mal geht. Eingeblendet wird ein echtes Video-Interview mit dem sowjetischen Geheimdienst-Informanten Juri Bezmenow, der in den Achtzigern zu den USA überlief. Er schildert eine Strategie der Sowjetunion, die man als „Aktive Maßnahmen“ bezeichnet, unter anderem Demoralisierung und Destabilisierung zum Umsturz der innenpolitischen Verhältnisse im gegnerischen Lager. Videoeinspieler von historischen Ereignissen aus dem Kalten Krieg werden als Untermauerung dieser Aussagen eingeblendet: Antikriegsproteste oder Demonstrationen linker Gruppen in den USA. Die Anspielung, dass diese fortschrittlichen Proteste Teil einer Destabilisierungskampagne der Sowjetunion waren, ist offensichtlich – Verständnis für eine kriegskritische Haltung war hier nicht zu erwarten. Was aber vorenthalten wird: Das originale Interview aus dem Teaser mit Bezmenow führte G. Edward Griffin, ein rechter Verschwörungstheoretiker aus den USA. Die Erzählung, auf der das Spiel basiert, ist keine reale, sondern verschwimmt mit Verschwörungen, die eine reaktionäre, rechte Politik zur Verteidigung der USA und ihrer Vormachtstellung gegen die Einflüsse von Linken und Kriegsgegnern befürwortet. Im Teaser allein zeigt sich die extrem fragwürdige Erzählung, auf der das Spiel basiert.
Die Handlung selbst beginnt im Jahr 1984. Ausgangspunkt der Kampagne ist, dass US-Präsident Ronald Reagan von „Perseus“ erfährt, einem sowjetischen Spion, und eine schwarze Operation unter der Leitung des CIA-Offiziers Russell Adler und seines Teams autorisiert, um Perseus zu kontern. Ronald Reagen wird hierbei als ein heroischer Präsident dargestellt, der bereit ist, für die Werte des Westens zur Tat zu schreiten. Dass der ehemalige Schauspieler in die Iran-Contra Affäre verwickelt war oder er eine Wirtschaftspolitik etabliert hat, die bis heute Armut über die US-amerikanische Bevölkerung gebracht hat, wird natürlich mit keinem Wort erwähnt.
Der Spieler wird an frühere Kriegsorte geführt, um die Machenschaften des „Perseus“ zu erläutern. Hierbei startet die Erzählung in einem Militärstützpunkt im Vietnam. Dieser wird als eine kleine Insel der Glückseligkeit dargestellt, im ansonsten hochgefährlichen Vietnam. Warum die USA in den Vietnamkrieg eingestiegen sind und warum die Vietnamesen die „Bösen“ sind, wird natürlich nicht erläutert. Stattdessen fliegt der Spieler ganz cool mit einem Helikopter über ein kleines Dorf und muss mit einem MG auf die Häuser und Menschen schießen. Dass dies ein ganz normaler Inhalt eines Egoshooters ist, ist natürlich klar. Dass das jedoch mit dem Vietnamkrieg verbunden wird, ist mehr als makaber. Denn in Wirklichkeit war ein großer Teil der US-amerikanischen Bevölkerung gegen diesen Krieg, der mehr als drei Millionen Menschenleben forderte. Auch, dass in diesem Krieg mit Napalm auf Frauen und Kinder gebombt wurde, die, wenn sie nicht starben, bis heute an grausamen Verbrennungen leiden, wird natürlich ausgeblendet. Allein diese beiden Beispiele machen klar, dass es bei Black Ops nicht allein um spannende Geschichten und Kampagnen geht, sondern mit dem mehr oder weniger realen Bezug auch Kriegspropaganda reproduziert wird.
Effektive Propaganda
Auffällig ist bei diesem Spiel der Slogan, unter dem auch besagter Teaser veröffentlicht wurde: „Kenne deine Geschichte oder sei dazu verdammt, sie zu wiederholen“. Es geht also explizit darum, die Erzählung in die Realität zu übertragen und Schlüsse für heute zu ziehen. Dass diese Schlüsse im Sinne einer reaktionären Kriegstreiber-Politik wären, ist offensichtlich. Dass Black Ops – Cold War in Zeiten veröffentlicht wird, in denen sich die Konflikte zwischen Russland, aber auch China und den USA weiter zuspitzen und die Kalter-Krieg-Rethorik fast schon wieder an das aktuelle Geschehen erinnert, ist beunruhigend. Und wenn wir uns jetzt vor Augen führen, dass viele Millionen von größtenteils jungen Menschen diese Spiele spielen, dann kann man sich keine effektivere Kriegspropaganda vorstellen. Dass das ja alles nur Fiktion sei, ist eben kein Argument mehr, wenn ein Spiel immer wieder versucht, einen realen Bezug herzustellen. Besonders real wird dieser, wenn die Grenzen zwischen Spiel und tatsächlichem Krieg verschwimmen: Wenn zum Beispiel in Deutschland die Bundeswehr mit einem Stand auf der Gamescom vertreten ist. Hier wird am allerdeutlichsten, wie gefährlich so eine Beeinflussung werden kann.
Als Spieler:innen laufen wir Gefahr, die Erzählungen unreflektiert zu übernehmen. Dabei ist es besonders in Zeiten steigender Kriegsgefahr wichtig, diese zu hinterfragen. Natürlich können wir von Videospielen keine idealisierten, gewaltfreien Handlungen erwarten. Aber wenn die Rahmenerzählung so reaktionär wird wie bei Call Of Duty, sollten wir zumindest auf die Falschheit dessen aufmerksam machen – denn wer seine Geschichte nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.
