Gewalt ≠ Gewalt: Die Grenzen des Pazifismus

Gewalt tritt in vielen Formen auf, beispielsweise im Krieg, bei Protesten wie denen zum G20 Gipfel in Hamburg, oder von der Polizei wie im Fall George Floyd. Wenn wir uns mit dem Thema Gewalt befassen, kommen wir nicht umhin, uns auch mit dem Pazifismus auseinanderzusetzen und seine Ideen auf die praktische Anwendbarkeit zu prüfen.

Als Pazifismus beschreibt man eine Grundhaltung, welche Krieg und Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung ablehnt. Es gibt verschiedene Abstufungen und Strömungen, welche sich in Motivation und Wahl der Mittel unterscheiden, diese Überzeugung jedoch teilen.

Auch wir wollen eine Welt ohne Krieg und Gewalt und vor allem in Betracht der (atomaren) Aufrüstung und der durch imperialistische Interessen steigenden Kriegsgefahr ist es wichtig, dafür einzustehen. Das Ziel der Pazifist:innen ist also das gleiche wie unseres, aber die Analyse der Umstände und die Mittel dieses zu erreichen sind andere.

Wenn Gandhi zum Beispiel sagt, Jüd:innen hätten im Dritten Reich gewaltlosen Widerstand leisten sollen, wird schnell deutlich, dass das Prinzip der strikten Gewaltfreiheit klare Grenzen hat.

Wie ist Gewalt zu beurteilen?

Zuerst ist es wichtig festzustellen, dass Gewalt nicht immer gleich Gewalt ist. Auch hier gibt es verschiedene Formen und Ausmaße. Ist die Gewalt offensiv oder defensiv? Geht sie von Einzelpersonen aus oder ist sie strukturell? Verfolgt sie die Ziele einiger weniger oder hat sie Massencharakter? Richtet sie sich gegen Menschen oder Objekte?

Vergleichen wir als Beispiel einmal Polizeigewalt mit Gewalt von Demonstrant:innen. Wenn ein:e Polizist:in willkürlich Gewalt anwendet, hat diese:r ganz andere Mittel (Waffen) und Legitimität und erfährt daher andere Konsequenzen als jede:r andere. Äußert sich Gewalt in Form von Zerstörung von Eigentum, wie z.B. bei den G20 Protesten, herrscht erst mal große Empörung. Ohne zu bewerten, welchen Sinn und Zweck die Taten haben, oder Vandalismus als sinnvolles Mittel des Protestes zu glorifizieren, macht es nun mal einen Unterschied, ob ein Fünfzehnjähriger von acht Polizist:innen misshandelt oder ob bei der Haspa ein Fenster eingeschlagen wird. Die beiden Gewaltakte sind nicht gleichzusetzen und müssen unterschiedlich bewertet werden.

Gewalt von Unten

Ein weiterer Aspekt ist, dass Gewaltanwendung oft eine Reaktion auf Gewalt ist. Nicht umsonst wird der politische Kampf als eben solcher bezeichnet. Es herrscht ein Interessenskonflikt zwischen dem Großteil der Bevölkerung und denen, die Macht und somit Entscheidungskraft besitzen. Um sich bestimmte Rechte wie Mindestlohn, Achtstundentag und Frauenwahlrecht zu erkämpfen, reichte es nicht, lieb zu fragen, man musste Aufmerksamkeit schaffen, Forderungen aufstellen und für diese kämpfen. Bei Streiks, Demonstrationen und sonstigen Protesten ging es bei weitem nicht immer friedlich zu. Sie wurden jedoch von einer breiten Masse getragen, welche sich gegen Gewalt in Form von schlechten Arbeitsbedingungen und Unmündigkeit wehrte. Sie erkämpften Rechte, welche unser Leben bis heute ein Stück friedlicher und gerechter machen.

Gewalt von Oben

Die Forderung nach dauerhaftem Frieden ist wahrscheinlich die unumstrittenste, jedoch muss man sich im Klaren sein, was Krieg, als extremste Form der Gewalt, ist. Kriege werden nicht von einzelnen, bösen Machthaber:innen geführt, welche voller Zerstörungswut das nächstbeste Land angreifen und dabei kaltherzig Menschen töten lassen. Kriege werden geführt, um neue Absatzmärkte zu erschließen, sich Rohstoffquellen anzueignen und Machteinfluss auszubauen. Sie werden im Profitinteresse einiger weniger geführt und sind eine Konsequenz des Kapitalismus. Es gibt also ein wirtschaftliches Interesse am Krieg und das nicht nur von Ländern, welche aktiv an einem beteiligt sind. Deutschland, als einer der größten Rüstungsexporteure, hat beispielsweise im Jahr 2019 Kriegswaffen im Wert von 7,95 Mrd. € exportiert. Kriege machen die Reichen und Mächtigen noch reicher und mächtiger, obwohl der Großteil der Bevölkerung kein objektives Interesse an ihnen hat. Frieden wird es folglich erst geben können, wenn das wirtschaftliche System für sein Bestehen nicht mehr auf Kriege angewiesen ist. Dagegen werden sich die Profiteur:innen wehren und dabei Gewalt anwenden, welche in keinem Verhältnis steht zu jeglicher Gewalt, die von unten jemals ausgehen könnte.

Wir sehen also: Das Ziel des Pazifismus, eine Welt ohne Kriege mit einer gewaltfreien Gesellschaft, ist definitiv ersichtlich und anzustreben. Jedoch kann die absolute Gewaltfreiheit nicht das einzige Kriterium bei der Beurteilung von Bewegungen und politischen Kämpfen sein, da Gewalt von oben nicht mit Gewalt von unten gleichzusetzen ist. Gewaltfreiheit ist also in der Praxis nicht als Dogma anwendbar, denn die Kämpfe für ein besseres (und auch gewaltfreieres) Leben sind vielfältig und äußern sich auf unterschiedlichste Arten und Weisen und bei ihrer Bewertung ist eine differenzierte Analyse entscheidend.

»Unter Pazifismus (von lat. pax, „Frieden“, und facere, „machen, tun, handeln“) versteht man im weitesten Sinne eine ethische Grundhaltung, die den Krieg prinzipiell ablehnt und danach strebt, bewaffnete Konflikte zu vermeiden, zu verhindern und die Bedingungen für dauerhaften Frieden zu schaffen. Eine strenge Position lehnt jede Form der Gewaltanwendung kategorisch ab und tritt für Gewaltlosigkeit ein.«

Wikipediaeintrag zu Pazifismus 2021

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