Von klein auf wird uns beigebracht, dass Gewalt keine Lösung sein kann. Konflikte sollte man gewaltfrei lösen, anderen Schaden zuzufügen ist nie das Richtige und Gewalt sollte man verurteilen. Als moralische Einstellung ist das natürlich lobenswert. Trotzdem merken wir, dass es in unserer Gesellschaft keineswegs gewaltfrei zugeht – spätestens, wenn sie von oben unverhohlen als Polizeigewalt auftritt oder Gewalt von unten sich in Protesten entlädt. Die Faust, die aufs Auge schlägt, wirkt dann meistens schockierend. Oft ist sie aber nur ein Moment der Klarheit, in dem die gewalttätigen Zustände sich offen entladen.
»Der Zusammenhang zwischen Status und Lebenserwartung gipfelt schlussendlich in der Aussage, dass Menschen mit niedrigem Einkommen früher sterben: Frauen leben bis zu 8,4 Jahre, Männer sogar bis zu 10,1 Jahre kürzer.« – quarks.de am 11.09.2019
Gewalt hat viele Gesichter
Gewalt ist, wenn in Deutschland Schätzungen zufolge 650.000 Menschen keine Wohnung haben und 48.000 von ihnen auf der Straße leben müssen (Süddeutsche Zeitung Online am 30.7.2019). Gewalt ist auch, wenn es nur geschätzte Zahlen dazu gibt, weil eine Studie „zu teuer“ wäre (Zeit Online am 14.2.2019). Und wenn jedes Jahr Menschen auf der Straße erfrieren, während Wohnungen leer stehen gelassen werden, um sie danach teurer vermieten zu können.
Gewalt ist, wenn Menschen aus der niedrigsten Einkommensstufe aufgrund schlechter Lebensbedingungen zwischen 8,4 (Frauen) und 10,1 Jahren (Männer) kürzer leben als die aus der höchsten Einkommensstufe (quarks.de am 11.11.2019). Wenn Pflegepersonal beklatscht wird, aber immer noch die Last eines kaputt gesparten Gesundheitssystems durch Unterbesetzung auf seinen Schultern trägt. Gewalt ist, wenn Pharmaunternehmen nur Medikamente erforschen, die Profite versprechen, während Menschen an behandelbaren Krankheiten sterben. Gewalt ist, wenn man sich Gesundheit durch private Krankenversicherungen und Behandlungen erkaufen kann, während der Rest sich kaputt arbeitet. Wenn Armut tödlich wird.
Gewalt ist, wenn von 79 von 100 Kindern aus Akademiker:innenfamilien ein Studium beginnen – von 100 Kindern aus Arbeiter:innenfamilien jedoch nur 27 (Spiegel Online am 9.5.2018). Wenn trotzdem von Chancengleichheit gesprochen wird. Gewalt ist, mit dem Bewusstsein zur Schule gehen zu müssen, dass man später die Rente der Eltern finanzieren muss, ohne wirkliche Aussichten auf einen gut bezahlten Job zu haben.
Gewalt ist, wenn Jens Spahn sagt, man könne von Hartz 4 gut leben, aber Kinder von Hartz 4 Empfänger:innen ab 100 Euro Einkommen 80 Prozent davon abgeben müssen. Wenn Arbeitslosengeld bedeutet, jeden Job annehmen zu müssen, um keine Kürzungen zu bekommen, während die EU „ideale“ Arbeitslosenquoten ihrer Mitgliedsstaaten berechnet, die teilweise über 14 Prozent liegen (Die Anstalt vom 28.5.2019). Wenn der Bedarf des Marktes über dein Leben bestimmt.
Gewalt ist, wenn es in Deutschland jährlich zu 12.000 rechtswidrigen Übergriffen durch die Polizei kommt (Spiegel Online am 26.7.2019). Wenn nur ein Fünftel dieser Übergriffe angezeigt wird, zwei Prozent davon vor Gericht landen und in einem Prozent der Fälle ein:e Beamter:Beamtin auch verurteilt wird. Gewalt ist, machtlos ausgeliefert zu sein.
Gewalt ist nicht nur, wenn Frauen von ihren Partnern geschlagen oder misshandelt werden, sondern auch, wenn sie Angst haben müssten, in Armut zu verfallen, wenn sie ihn verlassen würden. Wenn es in Deutschland zwei Jahre nach Unterzeichnung der Istanbuler Konvention, die Präventions- und Umgangsformen zur Gewalt gegen Frauen vorschreibt, noch keine Schritte zur Umsetzung dieser getan hat. Wenn es zu wenig Frauenhausplätze gibt, um alle Schutzbedürftigen aufzunehmen. Wenn Abhängigkeit tödlich endet, obwohl sie vermeidbar wäre.
Gewalt ist, wenn Geflüchtete im Mittelmeer von europäischen Grenzschutzorganisationen dem Tod überlassen werden. Wenn sie beim Versuch, auf sicherem Boden anzulegen, wieder zurück ins offene Meer gestoßen werden (tagesschau am 23.10.2020). Wenn Hilfsorganisationen vor Ort an der Arbeit gehindert und kriminalisiert werden (tagesspiegel am 2.7.2020). Wenn es Menschen, die in Deutschland ankommen, schwer gemacht wird, festen Fuß zu fassen. Wenn keine Arbeitserlaubnis erteilt wird und dann von „schwer integrierbaren Menschen“ die Rede ist. Wenn das Recht auf ein sicheres Leben verhandelbar wird.
»Das Ergebnis: In Deutschland besitzen die 45 reichsten Haushalte so viel wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung.« – Spiegel Online am 23.1.2018
Die Geschichte von den „gewaltätigen Armen“
Die Gewalt von oben ist in den seltensten Fällen offensichtlich, aber zu spüren bekommen wir sie alle. Sie zieht sich durch alle Bereiche unseres Lebens und wir reproduzieren sie nur zu häufig. Alltagsgewalt, Aggression, Kleinkriminalität – all diese Formen der Gewalt werden häufig zum Anlass genommen, Gewalt als ein Problem der unteren Schichten abzutun.
Auch pseudowissenschaftliche Ansätze sind gerne gesehen, um zu erklären, warum „die da unten“ so gewalttätig sind. So schreibt die WirtschaftsWoche Online am 22.8.2014 über eine neue Studie aus Schweden, die Kriminalität unter armen Jugendlichen erforscht. Diese belegte, dass auch Jugendliche, deren Familien aus der Armut „aufgestiegen“ sind, eher zu Kriminalität neigen. Anstatt jedoch davon auszugehen, dass in diesen Familien die Einflüsse der Armut und die damit einhergehenden Erfahrungen eben nicht von einem auf den anderen Tag verschwinden, zieht die WirtschaftsWoche Genetik als Erklärung heran: „Menschen in unteren Einkommensschichten können beispielsweise eine veranlagte, niedrigere Selbstbeherrschung aufweisen. Diese verhindert einerseits, dass sie sparen und den Ehrgeiz mitbringen, Karriere zu machen. Andererseits führt sie dazu, dass sie eher zuschlagen und sich Drogen hingeben.“ Das Problem sei also umgekehrt: „Armut macht keine Kriminellen, Kriminelle sind nur häufiger arm.“.
Ähnliche Erklärungen kennen wir aus Politik und Medien zur Genüge: Die Armen seien einfach zu faul, zu dumm, nicht ehrgeizig genug, hätten keine Selbstbeherrschung, keine Moral. Jeder sei seines eigenen Glückes Schmied. Jeder hätte dieselben Startbedingungen und könne es mit friedlichen Mitteln nach ganz oben schaffen. Die gewalttätigen Armen müssten ihren Hang zur Kriminalität ablegen, um es zu etwas zu bringen. Diese Erzählung ist eine Lüge, die die tatsächliche, strukturelle Gewalt in unserer Gesellschaft verkennt und die Schuld von denen ablenkt, die sie ausüben.
„Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“
In unserer Gesellschaft geht es nicht gewaltfrei zu. Gewalt ist ein ständig vorhandener Zustand, der mal offen, mal verdeckt auftritt, der sich entlädt und reproduziert. Bertold Brecht schreibt in der Dreigroschenoper: „Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes?“
Dass die maßgebliche Gewalt in den Händen der Besitzenden liegt, ist klar – denn wer von uns ist schon in der Lage, Menschen für unsere Profite zu auszubeuten oder zu entlassen, in die Armut zu schicken, ihnen ihre Sozialhilfe zu kürzen, sie aus ihrer Wohnung zu räumen, ihnen den Weg zur Ausbildung zu verwehren, sie durch Überwachung einzuschüchtern oder durch polizeiliche Maßnahmen wie Racial Profiling zu verunsichern?
Die Ausübung von struktureller Gewalt in unserer Gesellschaft ist an Besitz gebunden – und diejenigen, die ohne jegliche Mittel dastehen, sehen sich ihr Tag für Tag ausgesetzt. Um strukturelle Gewalt zu bekämpfen, müssen wir auch die Verhältnisse bekämpfen, die einigen wenigen die Mittel in die Hand legen, Gewalt gegen den Rest von uns anzuwenden. Dieses Verhältnis zu durchschauen und ein Gewaltverständnis zu entwickeln, welches diese als relatives Verhältnis begreift und in der Lage ist, sie in der Gesellschaft da zu erkennen, wo sie stattfindet, ist der erste Schritt, um sie zu bekämpfen.
